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PLBD006 Psychologie der »Alternativmedizin«

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Mitwirkende

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Shownotes

Willkommen in der Plapperbu:de

00:01:35

Einleitung

00:02:29
  • Fragestellung:
    • Wieso ist der Glaube an wissenschaftliche fragwürdige oder gar widerlegte Methoden dennoch für viele Menschen so attraktiv?
    • Beantwortung ist Voraussetzung für Aufklärung und Bekämpfung der Folgen von Aberglauben.
  • Homöopathie
  • Impfgegnerschaft
  • Esoterische Heilversprechen
    • zahlreiche Heilmethoden ohne Wirknachweis, die zum Teil einfach in Lifestyle übergegangen sind
    • Reiki, Chakrenmassage, Aromatherapie, Heilsteine, Fengshui ...
    • werden i.d.R. nicht von Krankenversicherungssystem getragen.
      • vgl. Osteopathie (Universitäres Studium) , Einzelne Methoden der Physiotherapie , Professionelle Zahnreinigung, Paar- und Familientherapien, Fußpflege, Sehhilfen, Beißschienen, Schwangerschaftsabbruch, Sterilisation => keine Kostenübernahme, es sei denn bescheinigte medizinische Notwendigkeit.
    • Keine Überwachung, was in sog. homöopath. Anamnesegesprächen passiert, z.B. fragwürdige Diagnose oder magische Auswahlmethoden für angebliche Wirkmittel.
    • Revitalisierungsexlixier von Simpson & Sohn
    • WDR-Radiofeature über Scharlatanerie der heilpraktischen Krebsbehandlung

Typische Kennzeichen

00:30:09
  • Breite, undifferenzierte Gültigkeit
  • Keine oder kaum überprüfbare Theoriegerüste
    • Transzendenz, magisches Denken, religiöse Setzungen
    • nicht operationalisierbare Konstrukte (z.B. energetische Balance, positive Energie, Strahlung, göttlicher Segen, Lichtnahrung)
      • nicht (intersubjektiv) sichtbar, nicht messbar
      • basieren ausschließlich auf Vorstellungskraft
      • passen in bereits bestehendes Wunschdenken.
  • Glaube an Konzepte wird oft als notwendiger Wirkfaktor angenommen und als Totschlag-Erklärung von Wirkversagen eingesetzt

Wahrnehmungsbias

00:36:13
  • Aufmerksamkeit ist selektiv
    • z.B. vermeintliche Häufung von Ereignissen wie Krankheiten, Todesfälle, Verkehrsunglücke etc. (aber auch Hochzeiten ...)
    • emotionale Relevanz (im Bsp. Bedohung/Angst) steuert Wahrnehmungsschwelle
    • auch Wunschdenken beeinflusst Aufmerksamkeit
  • Entsprechend entdecken wir in der Welt eher Dinge, die unsere Erwartungen bestätigen
  • Keine Suche nach Alternativerklärungen, wenn erste Erklärung plausibel
  • Vermutlicher evolutionsbiologischer Vorteil emotionaler Aufmerksamkeitssteuerung

Funktionalität

00:42:54
  • Menschliches Verhalten ist individuell logisch, d.h.
    • erfüllt für die Person einen mehr oder weniger offensichtlichen Zweck (Motiv)
    • dient der Reduktion von Spannung bzw. Herstellung von emotionalem Gleichgewicht
    • auch irrational wirkendes Verhalten ergibt innerhalb des jeweiligen Bedeutungsrahmens Sinn
      • Evtl. schwierig zu akzeptieren, gilt aber auch für Abgründe menschlichen Verhaltens
      • Effektive Bekämpfung solchen Verhaltens setzt dieses Grundverständnis voraus

Dissonanztheorie

00:48:41
  • Wikipedia über kognitive Dissonanz
  • Wenn zwei Annahmen, Wahrnehmungen, Informationen widersprüchllich
    • Dissonanz == innere Spannung
    • wird als aversiv/leidvoll erlebt
  • Spannung will stets abgebaut werden
  • Wenn zwei Ziele/Motive unvereinbar, werden Informationen oder Interpretationen angepasst
    • Anpassung der Realitätswahrnehmung oder Überzeugungen an die Bedürfnisse.
    • Kann erklären, warum Menschen entgegen ihrer offensichtlichen Positionen handeln
      • z.B. in weltoffenen alternativen Stadtteilen Initiativen gegen Geflüchtetenunterkünfte
      • sich christlich definierende Menschen Flüchtende auf dem Mittelmeer ertrinken lassen

Religiöse Prägung

00:54:41
  • Gewöhnung an dogmatische, nicht überprüfbare Setzungen
  • Gewöhnung an gesellschaftlich alternativlose Traditionsübernahme
  • "Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als die Menschheit sich träumen lässt"
    • hohes Ansehen in Bildungsbürgertum
    • schließt Lücke zwischen religiöser Prägung und Skeptizismus der Aufklärung
  • Esoterik == DIY-Religion bzw. Gemischtwaren-Religion
    • pseudo-emanzipatorische Alternative zur christlichen Kirche (autoritäre Doktrin)
    • und zu Determinismus der Wissenschaft
    • abergläubische Selbstermächtigung zur Erklärung der Welt == Kontrolle

Romantisierung

01:03:53
  • Idealisierung des edlen Wilden
    • als ursprünglich
    • vergessenes Wissen
    • Geheim-Medizin, deren Kenntnis über Unwissende erhebt (Selbsterhöhung)
    • Jugendliteratur des 20. Jahrhunders wie die Bücher Karl Mays
  • Gefühl der Entfernung der Zivilisation von Natur
    • Mensch wider die natürliche Ordnung
      • siehe auch Ökologie-Bewegung
      • Schuldgefühle (ggf. auch religiös)

Sicherheitssignale

01:11:42
  • kollektive Vertrauenskriterien und Heuristiken/ positive Vorurteile
    • Weiße Kittel und Arzthabitus: Beim Status der Medizin mopsen
    • Konzept Tablette als nicht-invasive, schmerzfreie Behandlungsmethode

Elitarismus und Spezialisierung

01:16:18
  • Polarisierung zwischen Wissen und Unwissen
    • Enormer wissenschaftlicher Fortschritt des 20. Jhd immer elitärer
    • Gesellschaften haben sich dem Tempo nicht angepasst.
    • Zugang zu Wissensquellen nicht kongruent zu Zugang zu Medien
      • (Fast) Jede hat Internet, aber nur universitär beschäftigte Zugang zu Originalstudien
      • Gute Wissenschaftsliteratur teuer und oft auf enges Fachpublikum zugeschnitten
      • Populär-Literatur von ökonomischen Verwertungsinteressen abhängig
      • Argumentation, dass Internet Zugang für alle bedeute, scheitert schon an Produktions-/Dienstleistungsverhältnissen.
        • Wissen aufnehmen, verarbeiten und integrieren, geschweige denn selbst nutzen, erfordert vor allem Zeit.
        • Abgehängte haben zum Teil Zeit, sind aber überwiegend mangelhaft ausgebildet und leiden unter niedrigem Selbsteffektivitätsgefühl (mangelndes Empowerment)
    • "Gebildete"
      • begrenztes Spezialwissen
      • darüber hinaus vereinfachtes Autoritätswissen.
  • "Spezialist*innen" erklären Behandlungen oft nicht bzw. nicht hinreichend verständlich
    • Gewöhnung an Autoritätswissen und "blindes" Vertrauen von Kindheit an
    • erschwert erheblich die Unterscheidung guter und schlechter Ratgeber*innen
    • komplexe physiologische Erklärungen oft komplizierter für Laien als die "magischen" Alternativen
      • Kompetenz-Erleben durch vereinfachtes, magisches Wissen.
      • Besonders attraktiv wenn Erfolg in tatsächlichen Wissenschaften unerreichbar.

Bindung

01:36:08
  • Harmoniebedürfnis: Wunsch nach Übereinstimmungen mit Nahestehenden. (Siehe Dissonanztheorie)
  • Bereitschaft, hochgeschätzten Personen zu glauben.
  • Lange Traditionen bestimmter Überzeugungen
    • Alter bereits Beweis als "bewährt"
    • Fußen teilweise auf älteren Weltanschauungen
    • z.B. Antisemitische Rassenlehre behauptete bereits 1881, dass Impfen eine Erfindung jüdischer Ärzte zur persönlichen Bereicherung sei.

Meine eigenen Erfahrungen

01:42:33
  • Leicht aus der Erkenntnis überheblich auf die "Verblendeten" herab zu blicken.
  • Aber Rückblick auf mein eigenes Leben erinnert mich daran, wie anfällig ich selbst für Fehlschlüsse und "Glauben" bin.
    • Christliche Prägung (Einfluss Eltern)
    • Vereinfachtes "die da oben" durchaus auch im Elternhaus
    • Homöopathie Erfolgserfahrung: keine OP im Abi
    • Wunsch nach Kontakt mit Menschen aus hoch bewerteter Gruppe - nach Konformität mit Non-Konformist*innen
    • Freundin zwischen Esoterik und Wissenschaft (Opportunismus)
    • Begeisterungsfähigkeit und Überzeugung für verkürzte Konzepte, Suche nach Kontrolle und Antworten.
    • Psychotherapeutische Geschichte beruhte lange mehr auf Tradition und Autoritätsgläubigkeit als auf Wissenschaftlichkeit.
      • DLFKultur-Podcast zu Einfluss von Vätern auf Töchter
      • Psychoanalytische Überzeugungen als wissenschaftlicher Standard dargestellt, die auch Weltanschauungen aus Entstehungsgeschichte mittransportieren.
      • Frühe psychologische Theorien kranken an ähnlichen Schwächen wie hier dargestellte pseudowissenschaftliche Glaubenssysteme: Unüberprüfbare Axiome und Vorhersagen, Verzicht auf Wirksamkeitsnachweise, Externalisierung von Therapiemisserfolg in Patient*inneneigenschaften
      • Wirkt Psychotherapie über den Placebo-Effekt hinaus?

Fazit

02:12:08
  • Dank an ausdauernde, manchmal auch streitsame Menschen, die mir geholfen haben
  • Respekt, Geduld, Toleranz
  • Diaspora, Mastodon und zahllose Podcasts als wertvolle Quelle korrektiver Informationen
  • Richtig, sich gegen Vertreter*innen des Aberglaubens und der kognitiven Verzerrung konsequent abzugrenzen
  • Dennoch auch wichtig, um jede einzelne, die ihnen aufsitzt, zu kämpfen.
    • Wenn auch manchmal sehr schmerzhaft und überfordernd
  • Nicht in der Gruppe, sondern mit der/m Einzelnen
    • dabei auch die hier diskutierte Faktoren berücksichtigen.
    • Bindung/Vertrauen am Wichtigsten: Öffnet Menschen für Neues, Abweichendes, Schritt ins Ungewisse
  • Erinnern, warum Menschen der Irrationalität folgen
    • Eigene Erfahrungen berücksichtigen: Was hat mir selbst beim Korrigieren, beim Ändern geholfen.

Verabschiedung und Dank

02:21:46

Outro

02:23:04
Comments from Mastodon:

2 Comments

  1. Hallo,
    ich bin hier über die Empfehlung auf Juna Grossmanns Blog gelandet und sehr, sehr begeistert 🙂
    Es sind (zumindest für mich, weil ich mich mit der Thematik des Glaubens wider oder trotz besseren Wissens schon eine Weile, wenn auch recht unsystematisch, beschäftige) nicht so sehr neue, durchschlagende Erkenntnisse als vielmehr die sehr strukturierte und fundierte – und gleichzeitig angenehm verständliche – Art und Weise, wie Du die Informationen präsentierst, die mich bei der Stange gehalten und mir doch auch wieder ein paar Erleuchtungen gebracht haben. Ich hätte auch noch zwei weitere Stunden zuhören können 🙂
    Jetzt mache ich mich nach und nach an die älteren Folgen – vorab aber schon mal ein ganz dickes DANKE für die Mühe und Arbeit, die Du Dir mit Deinen Podcasts machst!

    • homer77 homer77

      Wow, danke für dieses bestätigende Feedback, Anna! Und auch für die Erwähnung auf Annas Miniaturen <3
      Ich habe mit dem Projekt begonnen, weil ich das Bedürfnis hatte, etwas laut zu sagen, anstatt es nur für mich zu denken. Einen Gedankengang auszuformulieren, anstatt Themen im Online-Schlagabtausch zu zerfasern. Ich habe dabei festgestellt, dass der Podcast mir eine prima Motivation liefert, mich intensiver mit Themen zu beschäftigen, als ich es sonst tun würde. Es ging von Beginn an also viel um mich selbst.
      Und doch ist es ein schönes Gefühl zu wissen, dass darüber hinaus auch Ihr Anderen davon profitiert 🙂 Es fügt ein weiteres Motiv hinzu, weiter an dem Projekt zu arbeiten, zu neuen Themen zu recherchieren, aber auch neue, spannende Gesprächspartner*innen kennenzulernen und einzubinden.
      Dabei ist jedes Feedback, sei es so bestätigend wie Deines heute oder konstruktiv kritisch, gern gesehen und eine wertvolle Hilfe dabei, Plapperbu:de in Inhalt wie Form wachsen zu lassen.
      Vielen Dank und ich hoffe, Du findest in alten wie in zukünftigen Folgen weiter Interessantes für Dich.

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