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Plapperbu:de

PLBD015 BDSM

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Mitwirkende

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Homer S. (er)
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Feli (sie)
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Finn (er)

Shownotes

Triggerwarnung

Hallo!

Schön, dass Du die Plapperbude hören möchtest.

In dieser Folge unterhalten wir uns über BDSM. Dabei werden wir auch über Inhalte sprechen, die die Bereiche Sexualität, Schmerz, Grenzverletzungen und sexualisierte Gewalt berühren. Aber auch psychische Erkrankungen, Rassismus und Heteronormativität finden Erwähnung.

Menschen reagieren bei diesen Inhalten sehr unterschiedlich und abhängig von ihrer aktuellen Verfassung. Manche Menschen können fast immer recht unbelastet über diese Themen sprechen, andere können allein von der Erwähnung bestimmter Begriffe emotional überwältigt werden und danach noch länger belastet davon sein.

Besonders wenn Du zu der zweiten Gruppe gehörst, achte beim Hören dieser Folge gut auf Dich und checke vorher nochmal kurz, ob Du heute für diese Inhalte bereit bist. Sie dauert rund dreieinhalb Stunden – vielleicht musst Du sie nicht unbedingt am Stück hören. Vielleicht kannst Du auch sicherstellen, dass im Notfall eine vertraute Person für Dich verfügbar ist, die Dir helfen kann, Dich wieder zu fangen und erstmal wieder zu stabilisieren.

BDSM?

  • steht für:
    • Bondage/Discipline: Fesseln und Züchtigen
    • Dominance/Submission: Dominanz und Unterwerfung
    • Sadismus/Masochismus: Lust am Schmerzzufügen bzw. Schmerzempfangen
  • Praktizierende verfolgen in der Regel einzelne dieser Interessen, nicht alle.

Vorstellung und Motivation

Feli und Finn führen das Gespräch mit mir, um BDSM etwas aus der Tabu-Ecke heraus zu holen, Klischees und Vorurteile zu korrigieren oder relativieren und schließlich bei den Zuhörer*innen vielleicht Interesse, zumindest aber Toleranz zu entwickeln.

Geschmacksrichtung „Vanilla“

  • Was Vanilleeis zu Eis ist BDSM zu Sex.

Nur mit oder auch mit ohne Sex?

  • BDSM kann sexuell sein, muss es aber nicht.
  • Vergleich mit küssen oder kuscheln – beides geht auch ohne Sex.
  • Gleiches gilt für Bindung: Praktizierende können sich emotional nahstehen oder weniger nah.

Was sind konkrete Beispiele für BDSM-Praxis?

  • Rieeeeeesiges Feld!
    • Viele individuelle Definitionen.
    • Jegliche Form des Spiels mit einem gespielten Machtegefälle zwischen mehreren Personen.
    • Feli: Einen sicheren Raum schaffen, in dem ich gesellschaftliche Regeln, Filter oder Normen experimentell fallen lassen, mich anders verhalten können, als ich es üblicherweise tue.
    • Verwandtschaft bzw. Schnittmenge mit Rollenspiel.
    • Erlebnisse mit jemandem unter gemeinsam vereinbartem Regel- oder Rahmenwerk.
      • Hohe Bedeutung von Konsens.
  • Beispiele:
    • Fesseln/Bondage
    • Kontrollierte Stimulation mit oder ohne Schmerz
    • Gegenseitiges „Dienen“ vs. Befehligen
    • Rollenspiele, i.d.R. mit einem Machtungleichgewicht

„Kink“ … aha? …

  • Vorlieben, die nicht in der Mainstream-Mehrheit geteilt werden.
  • Nicht Teil des gesellschaftlichen Standards.
  • Ähnlich mit Fetisch, aber stärker selbstgewählt und weniger medizinisch.
    • Abgrenzung zu Sexueller Fetischismus , im Diagnosemanual ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation leider als Störung der Sexualpräferenz geführt und damit klar pathologisierend.

Wie kann Schmerz was Tolles sein?!

  • Schmerz ist nicht gleich Schmerz: Der Kontext, in dem ein Reiz erlebt und interpretiert wird, ist entscheidend.
  • Feli: Für mich stressabbauend, bringt mich in ein anderes Körpergefühl, holt mich aus ständigem Denken.
  • In der Regel graduelle Steigerung von leichtem Reiz (z.B. Kitzeln) zu stärkerer Intensität (z.B. Schmerz). Es wird gemeinsam ausprobiert, welche Reizstärke von der empfangenden Person die erwünschte Befriedigung bewirkt.
  • Die Kombination dieser Schmerzreise mit z.B. Lust oder sexueller Erregung macht dabei oft das Erlebnis besonders oder verstärkt deren Intensität.

Wie das Runners‘ High …

  • Vergleich der Genussqualität mit dem Erleben von Langstreckenläufer*innen, bekannt als Runner’s High.
  • Weiteres Beispiel: Sehr scharfes Essen (ebenfalls ein Schmerzreiz), das einige Menschen offensichtlich sehr genießen.
  • Extremsport oder -erfahrungen, die eine starke Endorphinausschüttung und damit Euphorie nach sich ziehen können.

Spiel mit Grenzen? Was ist der Reiz bei BDSM?

  • Grenzerfahrungen sind ein großer, dennoch nur ein Teil von BDSM.
  • Einige Menschen wollen nur milde Reize bzw. nähern sich nicht wirklich den objektiven Grenzen an, sondern möchten auch im Spiel sicher in ihren individuellen Grenzen bleiben.

Nie ohne Konsens!

  • Einvernehmlichkeit: Ja heißt Ja! (Keine Antwort heißt somit auch Nein!)
  • Viele BDSM-Praktiken wären ohne klaren Konsens „Missbrauch“, Ausbeutung oder Gewalt.

FRIES

  • Freely given: Die beteiligten Personen können wirklich frei Nein sagen.
    • Abhängigkeiten oder drohende/befürchtete Konsequenzen können diese Freiheit einschränken.
    • Dieses Kriterium wäre somit nicht mehr als erfüllt zu betrachten.
  • Reversible: Die Zustimmung kann zu jedem Zeitpunkt wieder entzogen werden.
    • ohne Bedingungen, Verzögerungen oder Sanktionen (Strafandrohungen).
  • Informed: Die beteiligten Personen verfügen über alle notwendigen Informationen, um ihre Entscheidung verantwortlich zu treffen.
    • z.B. die Aufklärung über Nebnweirkungen und Risiken bei medizinischen Maßnahmen wie Imfpungen, Operationen oder Medikamentenverschreibungen.
  • Enthusiastic: Die beteiligten Personen sind nicht unentschlossen, gleichgültig oder zögerlich bezüglich einer geplanten Aktivität, sondern lustvoll entschlossen.
    • Hier haben wir wieder die Notwendigkeit eines klaren Ja!
  • Specific: Die Zustimmung beschränkt sich auf eine klar vereinbarte abgegrenzte Aktivität.
    • Es wird somit kein pauschaler Freifahrtsschein für z.B. „Du darfst mir weh tun“ gestellt.
    • Sondern z.B. „Ich fänd’s gut, wenn Du mir jetzt – nicht zu fest – auf den Po schlägst.“
  • BDSM unter der Voraussetzung von Konsens bedeutet also keine vollständige Kontrollabgabe und damit nie die Aufgabe von Sicherheit.

Das Eis-Essen-Geh-Beispiel

  • Es geht aber nicht nur um Sicherheit, sondern auch darum, dass sichergestellt wird, dass ich bekomme, was ich will (und die anderen Beteiligten auch).
    • Finns Eis-Essen-Geh-Beispiel für FRIES-Konsensualität.
    • Sensibilität für emotionale Abhängigkeit wichtig.
  • Vertrauen ist ein beidseitiges Bedürfnis, FRIES sollen beiden Seiten Sicherheit geben.
    • Klarheit kann sicherstellen, dass meine Grenzen respektiert werden
    • aber auch, dass ich die Grenzen der anderen Person achten kann.Safe-Words und -Codes

Safewords und -codes

  • In spannungsreichen Situationen fallen Denken und verbale Kommunikation angesichts intensiver Erfahrungen manchmal schwer.
    • aus Sicherheitsgründen können sehr kurze Codes oder alternative nonverbale Signale daher hilfreich sein
    • z.B. das bekannte Ampelsystem (rot/gelb/grün).
    • Beide Seiten sind verantwortlich die Situation regelmäßig zu überprüfen.
    • Die Codes sollen eindeutig sein und die Situation zweifelsfrei und umgehend beenden
      • v.a. wenn übliche Abbruchssignale bewussst Teil eines Rollenspiels sein können.

Von der Schwierigkeit „Nein“ zu sagen

  • Manche Menschen haben außerdem bereits im Alltag große Schwierigkeiten, anderen Menschen ein klares Nein ins Gesicht zu sagen
    • z.B. weil das in ihrer Entwicklungsgeschichte irgendwie bestraft oder Grenzenlosigkeit belohnt wurde.
    • Daher können sie beliebige Code-Wörter ggf. leichter aussprechen als „Nein“ oder „Stopp“.
  • Auch die empfangende Person nimmt ein neutrales Code-Wort evtl. als weniger ablehnend und damit emotional belastet wahr.
  • Feli: Ich möchte ein Mensch sein, zu dem jemand anderes gut Nein sagen kann.
    • Dieser Aspekt geht weit über BDSM hinaus
    • BDSM als bereichernde Gelegenheit Verhalten auszuprobieren und zu üben
      • Damit auch übend für Leben außerhalb BDSM

Rollenwechsel, Bedürfnisse und Beziehungen

  • Welche Bedürfnisse in konkreten BDSM-Interaktionen ausgelebt werden, kann sich unterscheiden
    • abhängig vom Zeitpunkt und dem jeweiligen Versorgungszustand des Bedürfnisses
    • aber auch von der Person, mit der die Interaktion geplant ist
    • und wird auch durch das Konsensgespräch geklärt.

Begrifflichkeiten: Aktiv – Passiv oder Aktiv – Aktiv?

  • Finn: Eigentlich sind beide Personen immer aktiv.
    • Es gibt kein Nicht-Verhalten
    • Das Begriffspaar spiegelt den Interaktionscharakter nicht so gut wider
    • Die Bedeutungsebene ist entscheidend: Außenwirkung vs. tatsächliche Interaktion

Sach ma, Ihr redet auch viel, oder? …

  • Während des Spiels unterschiedlich viel
    • Vorlieben ob Sprache oder Gestik verwendet wird
  • Vorab ist viel abzuklären und gemeinsam zu bestimmen
    • auch wenn Partner*innen wenig oder keine gemeinsame Erfahrungen haben.
    • Minimum ist immer das gemeinsame Konsenssystem
  • Sollte auch allgemein bei Sexualität Minimal-Standard sein.

Menschen mit besonderen Verletzlichkeiten

  • Homer: Bewusstsein für besondere Verletzlichkeiten (z.B. Traumafolgestörung, Dissoziation) ist in Grenzbereichen, die als Gewalt erlebt werden können, wichtig.
    • Bewusstsein für Trigger, die posttraumatisches Wiedererleben hervorrufen können
    • Erscheinungsformen von Dissoziation, z.B. das Personen „einfrieren“ und nicht reagieren können, sollten bekannt sein
  • Feli: BDSM-Szene unterscheidet sich nicht in der Häufigkeit psychischer Erkrankungen von Restbevölkerung
    • Wismeijer, A. & Assen, M. (2013). Psychological Characteristics of BDSM Practitioneers. The Journal of Sexual Medicine, 10, 1943–1952. https://doi.org/10.1111/jsm.12192.
    • Brown, A., Barker, E. & Qazi, R. (2019). A Systematic Scoping Review of the Prevalence, Etiological, Psychological, and Interpersonal Factors Associated with BDSM. The Journal of Sex Research, 6, Annual Review of Sex Research Special. 781-811. https://doi.org/10.1080/00224499.2019.1665619.

Gegenseitige Verantwortung und Einwilligungsfähigkeit

  • Für die Prüfung von Konsensfähigkeit sind alle Beteiligten jederzeit verantwortlich.
  • Feli schließt daher z.B. bei Partner*innen Substanzkonsum (z.B. Alkohol) aus.
  • Ungewöhnliches Verhalten des Gegenübers verlangt nach Unterbrechung und Klärung der Sicherheit
  • Nur ausdrückliches Ja heißt Ja. Ein ausbleibendes Nein ist nicht hinreichend!
    • Selbst bei einem Ja muss die Fähigkeit der anderen Person, sich für ein Nein zu entscheiden eingeschätzt werden.
    • Nur so kann ich weitgehend sicherstellen auch unabsichtlich Schaden anzurichten.

Mehr Beschäftigung mit Konsens als im Mainstream

  • Finn & Feli: Gefühl, dass in der BDSM-Szene sehr viel mehr und intensiver über Konsens und Sicherheit kommuniziert wird als in Norm-Gesellschaft.
    • Safe, Sane, Consensual (SSC)

Physische Sicherheit. Wissen, Vorbereitung, Spezial-Materiale

  • Jede Praktik benötigt gewissenhafte Vorbereitung
    • Über geeingete Materialien
    • Risiken
    • Absicherungsmaßnahmen informieren.

50 Schattierungen ungünstiger Vorbilder

  • Vorsicht bei schlechten Vorbildern!
    • Fifty Shades of Grey ist keine geeignete Vorlage für BDSM
      • FRIES nicht gegeben für Protagonistin:
      • Creepy Guy manipuliert nicht informierte Person.
      • Eigentlich Fantasy-Geschichte mit pornografischen Elementen.
        • Hinweis: Pornos sind auch keine realistische Darstellung von Sexualität.
      • Roman impliziert einen Zusammenhang zwischen Missbrauchshintergrund und BDSM-Neigung.
  • Bsp: Film über Bergsteigen evtl. auch keine gute Vorlage für tatsächliche Bergturen!

Vorbereitung, Nachbereitung, Fürsorge

  • Aftercare heißt, sich nach einer Session umeinander zu kümmern
    • z.B. die Augenhöhe wiederherstellen
    • und eingenommene Rollenverhältnisse wieder auflösen
    • mögliche Auswirkungen wie Verunsicherung, Angst, Enttäuschung etc. wahrnehmen
      • und entsprechend fürsorglich auffangen und versorgen.
    • Gerne auch ein paar Tage lang weiter im zumindest lockeren Kontakt bleiben, da Nebenwirkungen ggf. auch noch nachträglich aufkommen können.
      • auch dann besteht immer noch gegenseitige Verantwortung!
    • Der Bedarf besteht nicht nur für empfangende/submissive/unten spielende Person!
      • auch bei der dominanten Person kann das Spiel Belastungen auslösen
        • Hinweis: Auch eigene (gespielte) Handlungen können z.B. Erinnerungen triggern und z.B. Dissoziation oder posttraumatisches Wiedererleben auslösen.
      • insbesondere Ängste oder Schuldgefühle hinsichtlich der andern Person und ggf. einer gemeinsamen Beziehung können bei der dominanten Person auftreten.
  • Verantwortungsvolle BDSM-Praxis ist nicht impulsiv sondern planvoll – Precare
    • hinreichend Zeit und erforderliche Ressourcen sind absolut wichtig
    • ebenso eine Haltung der Fürsorge unabhängig der Rollenpräferenz (oben/unten, top/bottom, dom/sub)

Pausenfüller

  • Musik aus Homer S.First Light

Klischees vs Diversität

  • Viele verschiedene Erscheinungsformen – Klischees bilden meistens eher äußerliche Auffäligkeiten ab
  • Die Anwesenden sehen aus Sicht der Normbevölkerung wohl eher unauffällig aus
    • Es gibt aber auch Kleidungsfetische wie Lack&Leder oder Uniformen

Erkennungszeichen

  • z.B. der Ring der O. (siehe Episoden-Foto)
    • stammt aus einer Novelle von Heinrich von Kleist aus dem frühen 19. Jahrhundert
    • ein tradiertes Symbol obwohl die Novelle selbst auch keine optimale Darstellung von BDSM bietet.
  • Die Triskele, bzw. bestimmte Formen einer Triskele
    • gibt aber auch andere Szenen, die dieses Symbol verwenden, da es sich um eine nordische Rune handelt und mit verschiedentlicher Bedeutung aufgeladen ist.
  • Ein paar Dresscodes (Lack, Leder, Uniform), die aber mehrdeutig sein können
  • Es gibt ein mit dem O-Ring kombiniertes Halsband (Choker)
    • wurde aber auch viel rein modisch von nicht BDSM-Ausübenden getragen wurden/werden.

Sichere Wege zu BDSM

  • Informationen z.B. durch die SMJG, einen eingetragenen Jugendverein
    • für Menschen bis 27.
    • deutschlandweite Organisation
    • professionalisiert, mit div. Hilfsangeboten
      • z.B. ein Sorgentelefon
      • oder ein Coverservice um Sicherheit herzustellen bei Treffen mit bisher fremden Personen
      • Stammtische mit einer jugendgemäßen Gestaltung

Jugendschutz

  • losgelöst von sexuellen Interessen
  • explizit nicht als Kontaktbörse für sexuelle Kontakte gedacht.
  • Regeln werden von Organisator*innen überwacht
  • Vorbeugung gegen z.B. Grooming

Für ältere Interessierte

  • SMJG Alumni
  • Es gibt ein ganzes Feld an Angeboten je nach den eigenen Bedürfnissen
    • Z.B. sogenannte Fesseltreffs, die z.B. Einsteiger*innen-Workshops für Bondage, also Fesselspiele anbieten

Klischee der Ernsthaftigkeit

  • In den meisten Fällen geht es bei BDSM um ein Spiel
    • dabei kann gelacht werden
    • und viele Menschen haben miteinander Spaß dabei

Geschlechterrollen im BDSM

  • Häufige Kritik, dass BDSM geschlechterspezifische gesellschaftliche Machtverhältnisse reproduziere und damit fördere.
    • Weiblich sozialisierte Menschen übernähmen weit überwiegend eine unterwürfige, schwache Rolle, männlich sozialisierte eine herrschende.
    • Es werden tatsächlich Unterschiede in Verbindung mit dem Geschlecht beobachtet, die wissenschaftliche Datenlage scheint dazu aber schwach.
    • Unklar ob BDSM-Szene sich wirklich von Normgesellschaft unterscheidet.
    • Die behauptete aufrechterhaltende Rolle ist entsprechend eine unbelegte These.
      • Der hier berichtete reflektierte Umgang mit Beziehungen, Sexualität und Rollen ließe auch die Alternativhypothese zu, dass diese Auseinandersetzung gerade Bewusstsein erzeugt und eine Lösung aus unterbewusst festgeschriebenen Stereotypen sogar befördert
      • Eine Gegenposition weist darauf hin, dass die unten spielende Person im Rahmen des – absolut konsensuellen – BDSM im Gegenteil sehr viel mehr Macht hat als in den patriarchalen Machtverhältnissen üblich.
      • Selbstverständlich könnten beide Hypothesen jeweils für eine bestimmte Form der Praxis oder bestimmte Teile der Szene Gültigkeit besitzen.
  • Homers Hinweis auf die unterschiedlichen rollenspielerischen Kompetenzen von Menschen als möglicher relevanter Faktor
  • Hinweis, dass BDSM nicht ausschließlich auf heterosexuelle Cis-Menschen beschränkt ist.
    • Finn beobachtet subjektiv kein so klares Gefälle zu dominantem Spiel bei männlich gelesenen Aktiven.
    • Wenn also geschlechterbezogene Unterschiede beobachtbar wären, stünde noch die Frage im Raum, wie sich die Kritk zu gleich-sozialisierten Spiel-Partner*innen verhalten würde.

Switches

  • Zudem gibt es Aktive, die zwischen Aktiv und Passiv regelmäßig wechseln – Switches genannt.
    • Es gibt keine offensichtliche Häufung dieser Personen in Abhängigkeit von Geschlechtsidentität, -rolle oder sexueller Präferenz.

Trennung von Spiel- und Alltagsverhalten oder -vorlieben

  • Feli: In den meisten Fällen besteht kein Zusammenhang zwischen der bevorzugten Rolle und der Alltagspersönlichkeit der Person
    • Eine die dominante Rolle einnehmende Person kann im Alltag völlig anders im Umgang mit anderen Menschen sein, z.B. zurückhaltend, unsicher oder zärtlich.

Die Sorge vielleicht psychisch gestört zu sein

  • Abgrenzung von BDSM gegen psychische Diagnosen: Muss ich Angst haben, dass ich psychisch gestört bin, Homer?
    • Die Störungsbilder in der ICD-10 (Internationale Klassifikation anerkannter Krankheits- und Störungsbilder) stehen im Grunde stets im Widerspruch zu konsensuellem lustvollem Erleben.
    • D.h. genießen alle beteiligten Seiten das gemeinsame Spiel und sind wie o.b. einwilligungsfähig, kann natürlich nicht von einer Störung gesprochen werden.
    • In diesem Fall handelt es sich beim gemeinsamen Spiel um eine kooperative Form der Bedürfniserfüllung.
    • Psychische Störungen setzen voraus, dass in ihrem Rahmen ein bedeutender Leidensdruck entsteht.
      • Und zwar durch das gezeigte Verhalten. Damit ist nicht ein verständlicher Leidensdruck durch soziale Verurteilung oder Ausgrenzung gemeint!
      • Sekundärer Leidensdruck durch den Konflikt mit der Umwelt kann wiederum durchaus zu psychischen Störungen führen (z.B. Depression). Zögert nicht, Euch frühzeitig Hilfe bei der Bewältigung dieser Belastungen zu holen.
  • Solltet Ihr auf vermeintliche Fachleute treffen, die BDSM generell pathologisieren (also für krankhaft erklären):
    • Sucht einfach weiter.
    • Mittlerweile sollte die Mehrheit der psychologischen und medizinischen Kolleg*innen über eine differenziertere, undogmatische Haltung verfügen.
    • Solche Ansprechpartner*innen finden sich für Queere Menschen z.B. auf https://queermed-deutschland.de/.
  • Wenn Du Dir Sorgen über eigene Gewalt- oder Sexualphantasien machst, findest Du Telefonische Hilfe unter:

Du musst Dich nicht entscheiden!

  • Menschen sind neugierig und haben sich stetig verändernde Bedürfnis-Konstellationen.
    • entsprechend ist es völlig angemessen, Dinge auszuprobieren und anzutesten ….
    • … sich dagegen zu entscheiden
    • … sich für eine Zeit für etwas zu entscheiden, und nach einiger Zeit wieder für etwas anderes.
  • Etwas das Menschen heute Spaß macht, kann etwas oder viel später überhaupt nicht mehr ihr Ding sein.

Von der Notwendigkeit der Reflektion auch über Spielinhalte

  • Wiederholte Reflektion ist notwendig.
    • Weil einerseits auch mal Fehleinschätzungen geschehen können.
    • Weil sich Bedingungen wie Einstellungen, Umstände, Beziehungen usw. zwischenzeitlich ändern können.
    • Entscheidungen, Grenzen, Wünsche usw. sollten darum regelmäßig und anlassunabhängig immer wieder geprüft und ggf. korrigiert werden.
  • Feli empfiehlt den Austausch darüber nicht nur mit den Personen, mit denen eins spielt, sondern auch mit Personen außerhalb, um sich immer wieder zu kalibrieren.
    • Das ist auch wichtig, um sich der ethischen Bedeutungen bestimmten Verhaltens bewusst zu werden und es in seine Entscheidungen mit einzubeziehen.
    • Konsequenzen betreffen ggf. eben nicht nur die direkte Interaktionspartnerin.
      • Welche Auswirkungen haben meine Handlungen auf mich selbst und/oder andere?
  • Es ist wichtig seine Privilegien zu reflektierten, dass eins Situationen spielen kann, die außerhalb des Spiels für Menschen tatsächlich gefährlich oder schädlich sind, ohne diesem Risiko ausgesetzt zu sein und mit der Möglichkeit, das eigene Erleben zu reflektieren.
  • Finn: Auch hier ist es wichtig zwischen dem Spiel und den Bedürfnissen außerhalb des Spiels zu unterscheiden.

Leidensdruck aus Abweichung vom Mainstream

  • Es kann sich schwierig anfühlen von der Norm abzuweichen.
    • Ich kann mich selbst deshalb in Frage stellen,
    • aber auch die Norm.
    • Für die einzelne Person und für den jeweiligen Moment kann es aber auch in Ordnung sein, sich anzupassen und nicht in offene Konfrontation mit der Normgesellschaft zu geben.
  • Sich mit anderen zu organisieren und austauschen zu können ist wie in so vielen Bereichen eine gute Chance, sich zu entlasten und Unterstützung zu sichern.

Tonquellen:

Post Skriptum: Euer Feedback!

  • Mastodon-Account der Plapperbu:de https://social.tchncs.de/@Plapperbude \
  • Matrix-Community der Plapperbu:de https://matrix.to/#/+plapperbude:ismus.net
    • Im Raum #bdsm:ismus.net könnt Ihr mit uns oder miteinander diskutieren und Eure Fragen loswerden.
  • Wenn Euch diese Folge oder gar die Plapperbude insgesamt gefallen sollten und ihr sie für empfehlenswert haltet:
    • Wir sind nicht und werden nicht bei Spotify oder iTunes gelistet sein. Also keine Bewertungen oder Likes dort möglich 🙂
    • Wir machen keine Werbung außer unsere Mastodon/Fediverse-Postings.
    • Ihr könnt uns allerdings bei fyyd.de favorisieren.
    • Ansonsten sagt uns einfach gern an Menschen weiter, von denen Ihr denkt, dass sie sich für unseren Podcast / diese Folge interessieren könnten – egal ob in SocialMedia, Messenger-Gruppen oder via Mund-zu-Mund-Empfehlung.
      • Gerade wenn Ihr damit größere Gruppen erreicht, freuen wir uns über einen kurzen Hinweis darüber. Nur damit wir verstehen, woher plötzlich die ganzen Downloads kommen 😉

PLBD014 Polyamorie

Bisher 132 mal heruntergeladen.


Mitwirkende

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Homer S. (er)
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Mischa (ser)
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Lea (sie/ - )
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Feli (sie)

Shownotes

Vorwort


Herzlich Willkommen zur 14. Ausgabe der Plapperbude. In dieser Episode unterhalte ich mich mit Feli, Lea und Mischa über Polyamorie, also die Freiheit, zumindest mehr als 1 Person gleichzeitig lieben zu dürfen. Die wenigen Hinweise auf lokale Angebote zu diesem Thema im Gespräch und in den ShowNotes beziehen sich auf die Region Münster.

Anmerkungen und Fragen zur Episode könnt Ihr wie immer direkt auf plapperbu.de, unter dem Veröffentlichungs-Toot auf Mastodon oder vorzüglicherweise in der Plapperbude-Matrix-Community (diesmal: #polyfolge:ismus.net) loswerden.

Vorstellung und Einleitung

Was ist Polyamorie?

  • Unterschiedliche Ideen und Konzept unter dem Begriff versammelt
  • Lea:
    • Offenheit und Konsensualität in Liebesbeziehungen mit mehreren Menschen
    • Abgrenzung zu Offene Beziehungen
  • Mischa:
    • Vielfalt gelebter polyamorer Beziehungskonzepte
      • hierarchische vs. non-hierarchische Polyamorie-Modelle
  • Feli:
    • Keine allgemeingültige Definition, individuelle Gestaltung/Aushandlung
    • Ergänzungen zur Abgrenzung/Differenzierung hierarchischer vs. non-hierarchischer Polyamorie-Gestaltungen:
      • Primary vs. Nebenpersonen
      • bedürfnisgetriebene Beziehungsgestaltung

Was ist Polyamorie nicht?

  • Mischa:
    • Abgrenzung zu toxischen Verhaltensweisen in jedweden Beziehungsformen
    • Vieles, was ich nicht machen würde, aber dennoch Polyamorie ist:
      • Veto-Konzept (Primäre Beziehungsperson kann andere Beziehungspersonen ausschließen)
      • Beziehung öffnen, um einseitig Verlust der Partnerschaft zu verhindern
  • Feli:
    • Vorurteil mangelnden Bekenntnisses zu Personen bei Polyamorie
  • Lea:
    • Vorausgesetzte Selbstbeschränkung, mit wem ich dauerhaft was erleben will
    • Wer keine oder nur eine Parter*in hat, sei nicht polyamor.
    • Möglichst viele Menschen in möglichster kurzer Zeit daten
      • Mischa: Würde mich völlig überfordern.

Hattet Ihr Vorerfahrungen mit Monoamorie?

  • Lea:
    • Ja, und schließlich über Text zu Polyamorie gestolpert und dafür begeistert
  • Mischa:
    • 6 Jahre mono, jetzt seit 4 Jahren polyamor
    • Durch neue Beziehungsperson mit Polyamorie in Berührung gekommen, dann viel gelesen dazu
      • Finde Sich-Informieren vor praktischem Einstieg wichtig
  • Feli:
    • Zweifel nachdem idealisierte Mono-Beziehungen im Umfeld in Krise gerieten:
      • Dann schließlich eigene Beziehung konsensuell mit Partner geöffnet
      • Nicht Menschen sondern Beziehungsmodell in Zweifel gezogen
    • Ebenfalls viel mit Literatur beschäftigt
    • Auch befreundetes Paar war Modell im Umfeld

Wie kommt 1 eigentlich zu Polyamorie?

  • Feli:
    • Häufig Öffnung monoamorer Partnerschaft, wenn sie nicht mehr gut läuft.
      • Ungünstige Prognose, weil das oft Zeichen für bereits gestörte Paarkommunikation
  • Mischa:
    • Gestörte Systeme werden nicht notwendigerweise durch zusätzliches Element stabilisiert
      • z.B. Kinder kriegen als Beziehungs-Quickfix
      • ggf. unfair, Dritte in labiles System einzubringen
  • Lea:
    • Polyamorie nur aus eigenem Antrieb, nicht für Partner*in
    • Mischa:
      • Beziehungspersonen können sich auch innerhalb polyamorer Modelle auf eine Beziehungsperson beschränken.
    • Feli:
      • Radikale Ehrlichkeit zu mir selbst: Ich habe nicht immer nur einen einzigen Menschen toll gefunden.
        • Habe das für meine Mono-Beziehung geopfert, weil gar keine Alternative denkbar war.
  • Eine Wahl zu haben setzt Wissen um die Wahl voraus
  • Wie und wann erfahre ich überhaupt von Polyamorie!
    • Mischa:
      • So dankbar für das Internet!!!
        • Polyamor, queer, trans und vegan …
          • Leichter Zugang zu Infos zu vom Mainstream abweichenden Lebens- und Verhaltensweisen.

Umgang Anderer mit Eurem Polyamorsein

  • Homer:
    • Beziehungsmodell zunächst meist von Erziehungspersonen übernommen
      • i.d.R. heteronormativ und (offiziell) exklusiv
  • Mischa:
    • Keine Ablehnung, aber gelegentlich pragmatische Ignoranz durch Familie
  • Lea:
    • Im Freundeskreis überwiegend polyamore Beziehungen
    • Kernfamilie akzeptierend, keine Berührungsängste, Restverwandschaft schweigt
  • Feli:
    • Je nach Perspektive denken viele Menschen meinen Beziehungen einfach mono.
    • Offenere Ablehnung einzeln in Dating-Apps
  • Differenzierte Entscheidungen, wo und wie Polyamorie offen gezeigt wird

Typische Vorurteile

  • Polyamorie werde vorwiegend von Cis-Männern benutzt, um Emotions- und Care-Arbeit zu vermeiden
    • Mischa:
      • Gibt es sicherlich,
      • liegt aber nicht an Polyamorie sondern an Reproduktion patriarchaler Beziehungstrukturen
      • gilt also so auch für monoamore Beziehungen.
  • Menschen, die polyamor leben, könnten sich nicht richtig einlassen auf ihre Partner\*innen und seien schlicht nicht beziehungsfähig.
  • Beim Scheitern von monoamoren Beziehungen wird Scheitern stets auf die Person attribuiert, bei polyamoren gewöhnlich auf das Beziehungsmodell.
  • Polyamorie verfluche zu ständiger Eifersucht, bzw. man dürfe überhaupt nicht eifersüchtig sein, um polyamor lebe zu können.
  • „Das ist ja nur ne Phase“, „bis du erstmal die*den Richtige*n findest!“
  • Andere zu lieben bedeute, dass einem die Partner*innen nicht genügten.
  • „Ihr habt doch alle Geschlechtskrankheiten!“
    • Dahinter steht das Stereotyp, es gehe bei Polyamorie eigentlich nur um mehr Sex.

Labeling

Andere Polyamore finden

  • Offen an Menschen ran gehen und nichts voraussetzen. Auf jede Person neu offen einlassen.
  • Im freundlichen Kontakt vorfühlen.
  • Mischa:
    • Polyamorsein fließt als Info beiläufig in Gespräche frühzeitig ein, weil meine Partner\*innen einfach so selbstverständlicher Teil meines Lebens sind.
  • OKCupid https://de.wikipedia.org/wiki/OkCupid
  • Aufklären sobald sich Kontakt intensiver anfühlt.
  • Stadt-Land-Gefälle
    • In ländlicheren Umgebungen oft weniger offenes Umfeld, weniger Gleichgesinnte
    • Auch durch Corona mittlerweile mehr Online-Angebote!

Ist Polyamorsein anstrengender?

  • Kann. (Zeit-)Ressourcenmangel im Zweifel ein verständlicher Grund mono zu leben …
  • Problem der Vermeidung von Auseinandersetzung mit Beziehungen sowohl bei Mono– als auch Polyamoren
  • Entlastung von Beziehungen durch Polyamorie? Mehr Verteilung von Druck.
    • Mischa:
      • Ja, aber Ressourcen sind einfach begrenzt. Mehr Partner\*innen heißt ggf. auch mehr Ressourcenkonflikt.
      • Mehr bzw. komplexere gegenseitige Einflüsse in polyamoren Beziehungssysstemen.
      • Oft mehr Anspruch an bewusste Auseinandersetzung mit Beziehungen –> Mehr Zeitinvestition erforderlich.
      • Widerspricht auch dem Vorurteil, dass es in Polyamorie nur um Sex gehe – dafür bleibt gar nicht genug Zeit 🙂
    • Lea:
      • In weniger komplexen, monoamoren Beziehungen mehr Risiko, sich in bequemes Vermeiden wichtiger Themen zu flüchten
        • Problemstellungen stauen sich eher auf. Risiko stärkerer verzögerter Eskalation.
        • In Polyamorbeziehungen so Chance, früher auf wichtige Themen zu stoßen
  • Keines der beiden Modelle (mono- vs. polyamor) ist grundsätzlich überlegen.
    • Aber oftmals ist nur das Mono-Modell wirklich bekannt, wodurch keine bewusste Wahl auf Basis der eigenen Bedürfnisse getroffen werden kann.
    • Einvernehmlichkeit/Konsensualität ist entscheidend
      • Unser*e Hörer*in Luu kommentiert Mischas Gleichsetzung konsensueller Non-Monogamy und konsensueller Polyamorie kritisch und sieht letztgenannte als Unterkategorie der ersten .
    • Entscheidung für Monoamorie ist nicht automatisch anti-emanzipatorisch!

Polytreff Münster

  • Kontakt viahttps://www.polyamorie-muenster.de/ durch Anschreiben der Mailingliste
    • Reale Treffen als auch Telegram-Gruppe, ggw. dank Covid19 natürlich online
    • Bemühung um sicherere Umgebung für Austausch
      • Dennoch sehr heterogen und damit auch mit allen gesellschaftlichen Konfliktbereichen gegenüber verletzlich
    • In Telegram-Gruppe über 100 Personen, Online-Treffs schwanken derzeit zwischen 8 und 12 Personen, Präsenz-Treffen früher mit bis zu 35 Menschen
  • „informelle Selbsthilfegruppe“, Diskussions- und Austauschrunde
    • Es ist möglich und erwünscht, eigene Themen und Fragestellung mit in die Treffen zu bringen.
    • Sehr breite thematische Palette – von sehr konkret bis philosophisch
  • Kontakt und Austausch mit Menschen mit realen Erfahrungen mit Polyamorie hilfreich
    • Realitätsprüfung
    • Anerkennung der Diversität polyamorer Realitäten
    • Auch offen für Einsteiger*innen: Ihr müsst (noch) nicht polyamor leben, um Fragen zu stellen.
  • Es kann hilfreich sein, sich außerhalb der Beziehungen in vertraulicher und sicherer Umgebung reflektieren zu können
    • Externe Reflektionsgruppe z.B. im Internet auch eine Option, um vertraulicher reden zu können
    • Vielleicht nicht notwendig, aber manchmal ergibt sich der Bedarf über die Zeit hinweg

Gründe polyamor zu leben

  • Beziehung an authentischen Bedürfnissen orientieren
  • Mehr Vielfalt und Flexibilität in Beziehungen erleben können
  • Auch Bedürfnisse der Partner*innen nicht unnötig einschränken
  • Entlastung von Druck, Bedürfnisse des*r Anderen erfüllen zu müssen
    • Besser möglich, Nein zu sagen
  • Bedürfniswidersprüche schließen Beziehung nicht automatisch aus
    • z.B. bei nicht-gemeinsamem Kinderwunsch
    • oder Umfang und Spezifitäten sexueller Bedürfnisse.
  • Hedonismus:
    • Die Freude daran „schönen“/tollen Menschen zusammen sein zu dürfen
    • Optional auch intime körperliche Erfahrungen mit mehr als 1 Person
  • Andere mit Veganismus anfixen! 😀
  • Mehr und interessante Personen durch Partner*innen kennenlernen

Die Anderen im polyamoren System

  • Metamour – Die anderen Partner*innen meiner Beziehungsperson https://www.polydictionary.org/metamour/
  • Partner*innen 1., 2., 3. Grades
  • Vergleich mit Umgang mit gegengeschlechtlichen Freundschaften in Mono-Beziehungen

Dos and Don’ts

  • Do:
    • Sei bereit für sehr viel Kommunikation! Distanziere Dich von Vorannahmen über die Bedürfnisse und Grenzen der Anderen, frage und handle explizit aus.
    • Beschäftigt Euch damit, was Ihr braucht, um Euch sicher zu fühlen.
      • Auch polyamore Menschen können eifersüchtig sein – auch dieses Gefühl ist valide, setz Dich damit auseinander.
    • Übernimm Verantwortung für Deine Entscheidungen: Own your shit!
    • Sich aktiv mit den eigenen Gefühlen auseinandersetzen, kein Wegdrücken vermeintlich negativer Gefühle,
      • selbst wenn sie im Kontrast zu Vereinbarungen in der Beziehung stehen.
    • Über Sex reden! Offen, konkret und aktuell.
      • Auch Verhütung und Schutz vor STI (Sexuell übertragbare Infektionskrankheiten)
      • Consent! Consent! Consent! Einvernehmlichkeit ist ultra-wichtig und immer wieder neu herzustellen/zu prüfen!
      • Je mehr Beziehungspersonen, desto mehr Kommunikationsbedarf.
    • Aktiv auf Ressourcenmanagement achten
      • Bei hoher Begeisterungsfähigkeit für Menschen droht, sich zu verzetteln,
      • andere zu vernachlässigen oder gar
      • sich selbst zu vernachlässigen.
      • Belastet letztlich auch die Beziehungen
    • Reflektiere gesellschaftliche Machtverhältnisse und reproduziere sie nicht einfach.
  • Don’t:
  • Polyamorie ist kein Freifahrtsschein für Rücksichtslosigkeit!
    • Denk nicht, dass Polyamorie das bessere Beziehungskonzept sei!
      • Vielleicht für Dich, aber deswegen eben nicht für alle

Kinder-Carearbeit

  • Paar- oder Alleinerziehenden-Modelle nicht an moderne Ausbeutungsrealitäten angepasst.
  • Polyamorie-Modelle bieten evtl. auch Antworten auf veränderte Realitäten in der Nachwuchs-Versorgung.
    • Teilhabe an Versorgung und Leben mit Kindern, ohne chronische Selbstüberforderung oder Selbstaufgabe vorauszusetzen
    • Auch für Menschen ohne „Gebärbereitschaft“
  • Tankel = Tante+Onkel (bei Non-binaries/Transpersonen)

Eifersucht

  • Spielt auch bei polyamor Lebenden mitunter eine Rolle, kann sich aber in der Offenheit verändern
    • Exklusivität macht andere Bindungen zu grundsätzlicherer Bedrohung meiner Bedürfnisversorgung.
  • In Polyamorie korrigierende Erfahrung möglich, dass durch Teilen und Andere nicht grundsätzlich Verlust droht
    • Ermöglicht Reduktion übersteigerter Ängste und erlaubt Entspannung in Beziehungen
  • Eifersucht kein Zeichen für „Polyamorie-Unfähigkeit“!
    • Es muss nicht immer gleich Compersion sein – neutrale Akzeptanz ggf. völlig hinreichender Zustand.
    • Ich kann meiner Beziehungsperson andere Partner*innen gönnen und eifersüchtig sein!
  • Monobeziehungen bieten ggf. kurz- bis mittelfristig Sicherheitsgefühl – das aber langfristig trügen kann.
  • Differenzierung von Neid, Missgunst, Verlustangst, Verunsicherung bei Eifersucht
    • Bedürfnisse hinter den Gefühlen identifizieren und alternative Quellen bewusst machen
  • Besondere Wertschätzung von Zuwendung durch Partner*innen, wenn sie nicht auf Alternativlosigkeit beruht
  • Normative Besitzansprüche häufig in mononormativen Konzepten (siehe Ehe) gefördert
  • Verantwortung für eigene Gefühle übernehmen und sich aktiv damit auseinanderzusetzen
    • Aber auch: Trotzdem verantwortlich und mitfühlend den Menschen um Dich herum gegenüber verhalten.

Weitere Empfehlungen meiner Gäst*innen

Abschied und Dank

Feedback-Hinweis

Mastodon-Account der Plapperbu:de https://social.tchncs.de/@Plapperbude
Matrix-Community der Plapperbu:de https://matrix.to/#/+plapperbude:ismus.net

Dort könnt Ihr im Raum #polyfolge:ismus.net fragen und diskutieren. Meine Gäst*innen haben sich bereit erklärt, dort auf Euch und Eure Beiträge einzugehen.

Tonquellen

Intro und Outro:

PLBD013 2020 – Eine Bilanz

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Mitwirkende

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Homer S. (er)

Shownotes

Es folgt ein Jahresrück- und -ausblick auf 2020 bzw. 21. Er spiegelt meine persönlichen Erfahrungen und Gedanken wider und ist weder vollständig noch allgemeingültig. Im Übrigen habe ich an einigen Stellen die Verkürzung „Thera“ anstelle des Begriffs „Psychotherapeut*innen“ verwendet. Das sei vorweg angemerkt, bevor es zu Verwirrung kommt.

Ein Jahr neigt sich dem Ende zu. Ein Jahr, dass sich aus verschiedenen Gründen besonders in das kollektive Langzeit-Gedächtnis einbrennen wird. Während die Welt und ihr vorherrschendes marktradikales Wirtschaftssystem unter dem SarsCov2-Virus langsam aber sicher ins Schlingern geriet, beschäftigten viele von uns noch andere wichtige Themen wie Rassismus und Polizeigewalt – in die breite Aufmerksamkeit geraten durch den Mord an George Floyd und die nachfolgenden, in den USA auch militanten Proteste. In Deutschland zeigte sich am 22. Februar 2020 erneut die mörderische Realität des Terrors weißer Männer, als ein sich durch rassistische und antifeministische Propaganda legitimiert fühlender Täter seine 10 arglosen Opfer kaltblütig tötete:

  • Gökhan Gültekin
  • Ferhat Ünvar
  • Hamza Kurtović
  • Mercedes Kierpacz
  • Sedat Gürbüz
  • Kaloyan Velkov
  • Vili Viorel Păun
  • Fatih Saraçoğlu
  • Said Nessar El Hashemi
  • Gabriele Rathjen

Der lange vorbereitete Versuch, der Ermordeten ein halbes Jahr später mit einer Großversammlung in Hanau zu erinnern, wurde im Namen der covid-bezogenen Hygienemaßnahmen unterbunden. Am 01. August konnten sich in Berlin noch 20.000 rechtsoffene Verschwörungsgläubige unter großflächiger Ignoranz von Hygieneauflagen versammmeln. Am 29. August setzten die Gerichte in Berlin eine weitere solche Veranstaltung für über 20.000 Tatsachen-Leugner*innen durch. Zahlreiche weitere sollten in ganz Deutschland folgen. Im Fahrtwind des Virus gewinnen Rassismus, Antisemitismus und diverse esotherische Heils- und Welterklärungslehren an öffentlicher Sichtbarkeit. Während solidarisch orientierte Menschen aus Rücksicht auf das Leben der von Covid19 besonders Bedrohten ihre öffentlichen Aktivitäten zurückfahren oder einstellen, nutzt die krude Melange aus Veranstaltungstechniker*innen, Heilpraktiker*innen, Reichsbürger*innen, Neurechten, offenen Neonazis und anderen analytisch Unbegabten die Gunst der Stunde und erlangt dank ihrer bürgerlichen Privilegien enorme öffentliche Aufmerksamkeit. Häufiger als in vermutlich allen Jahren zuvor, wurde vor gesellschaftlicher Spaltung und einer Polarisierung innerhalb der Bevölkerung gewarnt – als handele es sich um zwei gleichwertige Alternativen, zwischen denen einfach ein Kompromiss zu finden sei.

Währenddessen wurden und werden durch die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie ganze Lebensentwürfe in Frage gestellt oder bereits zerstört. Die Krise legt die systematischen und strukturellen Defizite auf individueller wie auf gesellschaftlicher Ebene schonungslos offen. Gleichzeitig gingen wohl selten so viele relevante Themen zwischen den eben genannten unter wie 2020. Alles wirkt letztlich neben dem kollektiven Kontrollverlust, den die Covid19-Pandemie bedeutet, so nachgeordnet, so aufschiebbar. Mitunter schleicht sich eine gewisse aktivistische Mattigkeit ein, da die sozialen Vorzüge des Aktivismus auf der Strecke bleiben: Mit einem Mindestabstand von 2 Metern lässt sich kein starkes Gemeinschaftsgefühl erzeugen, stationären Kundgebungen mangelt es schon immer an motivierender Dynamik und die bindungspflegende Umarmung durch Mitaktivist*innen fällt ebenfalls weg. Es bleiben der teils beträchtliche Arbeitsaufwand und die frustrierende Teilnahmslosigkeit der breiten Masse.

Wie immer, wenn die öffentliche Aufmerksamkeit irgendwie gebunden ist, sei es durch die sommerliche Urlaubszeit, Katastrophen oder internationale Sportveranstaltungen, nutzen zielstrebige Menschen die Gelegenheit, um ihre Interessen besonders eifrig am Rest vorbei zu vertreten. In der Regel bedeutet das eine Verschiebung der Verhältnisse zugunsten einer kleineren Gruppe Privilegierter und zum Nachteil weniger gut lobbyierter Gesellschaftsgruppen. Da verschwinden einige Gesetzesentwürfe wieder in Schubladen, andere werden obwohl wiederholt im demokratischen Prozess oder höchstrichterlich verworfen wieder hervorgekramt. Anderes läuft stumpf und automatisiert weiter und brennt still so vor sich hin. Also … natürlich brannte Moria nicht still ab, aber durch unsere doppelverglasten Fenster im Zentrum Europas dringen die Geräusche von der Außengrenze meist dennoch nicht zu uns durch.

Nach einem 3/4 Jahr pandemischem Ausnahmezustand – für die eine mehr, für den anderen weniger – kämpfen wir weiter um eine Rückkehr in eine ja bereits vorher kaum befriedigende Normalität, um Kontrolle, um die Hoffnung, wenigstens etwas Einfluss auf die offensichtlichen Misstände in der uns umgebenden Welt nehmen zu können.

Nach einem 3/4 Jahr, das für mich weder Stillstand, noch Freizeit, noch wirklich Entschleunigung bedeutete, will ich außerdem einen kleinen Einblick liefern, was das Jahr für mich als Psychotherapeut so bereit gehalten hat.

Auch für die Versorger*innen im Gesundheitssystem kam das Ausmaß der Pandemie trotz aller Vorbildung und Richtlinien-Papiere überraschend. Zu sicher glaubten wir uns alle im warmen Schoß des globalen Nordens, haben den Gedanken an vorangehende Epidemien zur Seite geschoben und uns auf den gewohnten Versorgungsstandards ausgeruht. Kaum eine ärztliche oder therapeutische Praxis hatte die eigentlich längst vorgeschriebenen Materialien für den Notfall auf Lager. Wer hat in seinen Räumlichkeiten schon Platz für Lagerhaltung? Wer opfert für ein Ereignis, das angeblich nur alle 100 Jahre auftritt, auf Dauer einen Raum? Wer kauft all die verschiedenen Materialien ein, nur um sie alle paar Monate oder Jahre ungenutzt wieder in die Tonne kloppen zu müssen? Wer rechnete damit, dass Krisensituationen über Kliniken und Versorgunszentren hinaus auch die einzelne Praxis betreffen würde? Niemand. Oder zumindest die wenigsten. Und dann passierte das Vorhersagbare: Bei einer globalen Krise benötigen plötzlich alle gleichzeitig alles – und zwar sofort! Eine Betriebswirtschaft, die Lagerhaltung längst für unwirtschaftlich erklärt hat, setzt auf Warenfluss, der mäßigen Schwankungen folgen kann, plötzlichen und massiven Bedarfsänderungen aber lange nicht mehr gewachsen ist. So wie die Massen plötzlich vor leeren Regalen bei zunächst Klopapier, Desinfektionsmitteln und Nudeln standen, waren auch Einrichtungen der elementaren Gesundheitsversorgung mit einer Mangelsituation lange vergessenen Ausmaßes ausgesetzt. Alles in allem müssen wir uns eingestehen: Wir waren nicht vorbereitet. Anders als bis in die 90er-Jahre, als es überall flächendeckende Katastrophenpläne vor dem Hintergrund des Kalten Krieges gab, haben sich nach dessen Ende andere Prämissen in den Vorherrschafts-Gesellschaften herausgebildet. Die Life-Style-Variante des „Im Hier und Jetzt“-Leben legt nichts an die Seite, sie soll im Moment genießen, und das heißt vor allem, nicht über den Augenblick hinauszudenken. Nicht zu sparen, sondern „den Markt ankurbeln“, investieren, konsumieren. Und das fällt uns gerade auf verschiedensten Ebenen auf die Füße.

So sehr ich das gern anderen Menschen vorwerfe, so sehr muss ich mir Vieles davon auch selbst anziehen: Hätte ich prognostiziert, dass in den nächsten Jahren eine Pandemie die Weltgesellschaft in ihren Grundfesten erschüttert und die Zerbrechlichkeit der herrschenden Ordnung aufzeigt? Auf keinen Fall. Ich rechnete mit den Auswirkungen der Klimakatastrophe, Krisen durch Massenfluchtbewegungen, Kriege, die auch die nördlichen Zentren der Welt nicht mehr unberührt lassen. Einen Virus hatte ich nicht auf dem Papier – so naiv das von heute aus betrachtet auch gewesen sein mag. War ich als Psychotherapeut auf erhöhte Hygienestandards vorbereitet, obwohl alle niedergelassenen Psychotherapeut*innen das natürlich den Vorgaben gemäß hätten sein müssen? Natürlich nicht. Plötzlich musste ich mir mit meinen Kolleg*innen Gedanken machen, wie wir den obligatorischen Begrüßungshandschlag ersetzten, wo wir Hygienespender herkriegten und anbrachten. Wie wir unseren Patient*innen welche Hygieneregeln für den Praxisbesuch mitteilt en. Und schließlich auch, ob, wie und in welchen Fällen wir Psychotherapie auch online als Video-Sprechstunde durchführen könnten, um so viele persönliche Kontakte zu vermeiden wie möglich.

Das mit dem HomeOffice für Theras gestaltet sich übrigens schwierig. Freundlicherweise hatte die Kassenärztliche Vereinigung bzw. vermutlich der Gemeinsame Bundesausschauss (G-BA) kurzfristig die Abrechnung und Durchführung von Online-Sprechstunden erleichtert, d.h. die Begrenzung auf 20% der Umsätze aufgehoben (vorerst bis Ende März 2021) und Fördertöpfe zur Anschubfinanzierung von erforderlichem Equipment hingestellt. So konnte sich unsere Praxis z.B. ordentliche Laptops, Headsets und Kameras zu großen Teilen finanzieren lassen. Im Grunde waren die Bedingungen zur Umstelllung auf Online-Therapie und ein StayAtHome eigenltich ganz günstig. Und doch waren da einige Faktoren, die dazu führten, dass es doch nicht dauerhaft und flächendeckend zu einer Umstellung kam.

Zum Einen mussten bekanntlich auch im IT-Bereich diverse Lieferengpässe ausgestanden werden. Zum Anderen mussten erst einmal den Richtlinien entsprechende, von Laien bewältigbare und hinreichend stabile Angebote zur Verfügung stehen. Da die verwendeten Kommunikationsdienste, sich offiziell zertifizieren lassen müssen, und wir nicht zertifizierte Möglichkeiten schlicht nicht einsetzen dürfen, fielen selbstbetriebene Kommunikationsserver wie jitsi heraus. Auch wenn dies in Einzelfällen sicherlich die Datensparsamste Lösung bedeutet hätte. Gleichzeitig bedeutete diese Regelung aber hoffentlich auch das Aus für die unsägliche inoffizielle Praxis, mit Patient*innen via WhatsApp oder Skype zu kommunizieren.

Ein weiteres Problem stellte die bekannte mangelhafte Versorgung mit schnellen Internet-Verbindungen dar. Eine Gemeinschaftspraxis mit nur zwei oder drei Kolleg*innen hatte mit den auf dem Land noch durchaus üblichen 10MBit Download und 1 MBit Upload erhebliche Schwierigkeiten gleichzeitig stabile Videogespräche aufzubauen, geschweige denn über 50min hinweg störungsfrei führen zu können. Dieser Flaschenhals bestand oftmals nicht nur auf Seiten der Praxen sondern natürlich auch auf der Seite der Patient*innen. Gerade in den Gruppen mit geringem Einkommen bleibt Internetnutzung oft auf den Smartphone-Tarif und eben das Smartphone beschränkt.

Was ein Stay-At-Home für Theras ebenfalls erschwerte: Wir sind quasi verpflichtet, für unsere Arbeit das Haus zu verlassen. Denn offiziell ist es weiterhin nicht statthaft, die Gespräche von unserem Zuhause aus zu führen. Wir müssen dazu in den Praxen sitzen. Nur die Patient*innen sollen zuhause bleiben.

Neben solchen Konsequenzen für unseren Praxisalltag wirkt sich die Pandemie auf die in diesem Beruf möglicherweise in besonderem Maß wichtige Psychohygiene aus. Da Theras sich in ihrem Berufsalltag regelhaft mit Themen und Inhalten beschäftigen, die der Rest gerne vermeidet, ist vielleicht nachvollziehbar, dass es unserer Gesundheit mittelfristig nicht zuträglich wäre, wenn therapeutische Gespräche 40h unserer Arbeitswoche ausmachten und wir zwischendurch nicht auch mal etwas Abstand von unserer Arbeit bekommen würden. 2020 hielt leider auch dahingehend einige wenig erfreuliche Veränderungen bereit. Wie niedergelassene Ärzt*innen sind auch wir Theras verpflichtet uns berufsbegleitend fachlich fortzubilden. Konkret müssen wir innerhalb von 5 Jahren eine gewissen Menge an Fortbildungspunkten sammeln, die über von den Kammern akkreditierte Veranstaltungen erworben werden können. Für mich persönlich waren Kongresse und Workshop-Tagungen immer gewisse Highlights. Denn ein großer Teil der Psychotherapeut*innen arbeitet wie ich in Einzel- oder kleinen Gemeinschaftspraxen. Die Großveranstaltungen boten somit nicht nur die Möglichkeit, unsere Pflicht der Fortbildung zu erfüllen, sondern schlicht auch mal wieder mit Fachkolleg*innen in sozialen Austausch zu kommen, alte Bekannte und Freund*innen wieder zu treffen und das ganze ggf. mit dem touristischen Besuch der Attraktionen einer Metropole zu verbinden. Sowohl 2020 als auch prospektiv 2021 fallen diese Abwechslungen und Auszeiten weg. Die teilweise in Vorbereitung befindlichen Online-Substitute werden nur das sein können: Ein schwacher Ersatz. Neben diesen Fortbildungsbezogenen Aktivitäten pflegen eine Reihe meiner Kolleg*innen auch eine Leidenschaft für das Reisen, sicher auch weil durch diese Orts- und Kulturkreis-Wechsel besonderes effektiv Abstand vom Berufsalltag zu gewinnen ist. Auch damit war es – spätestens Ende Herbst – natürlich vorbei. Gleichzeitig nahm der Bedarf unserer Patient*innen – ich komme später noch auf dieses Thema zurück – natürlich nicht etwa ab. Ich habe also begründete Zweifel daran, dass die Mehrheit der Kolleg*innen dieses Jahr weniger gearbeitet haben wird als in den Vorjahren. Für mich selbst kann ich jedenfalls sagen, dass die reinen Gesprächsleistungen über das Jahr betrachtet auf einem ähnlich hohen Niveau geblieben sind, während gleichzeitig eine Reihe von Aufgaben im administrativen Bereich hinzu gekommen sind. Heißt unterm Strich: Mehr Arbeitsstunden bei gleichzeitigem Ausfall von Ausgleichsaktivitäten im Freizeitbereich.

Ich sprach es bereits an: Im Zuge von Covid19 kam es nur temporär zu einem Nachlassen der akuten Nachfrage an Psychotherapie. Zu Beginn der Pandemie und der verbundenen Kontaktbeschränkungen gab es eine wenige Wochen andauernde Reduktion bzw. fielen etwas mehr Sitzungen spontan aus als sonst. Mitte des Jahres befanden wir uns aber längst wieder auf dem gewohnten Nachfrage-Niveau. Ab Oktober konnte ich mich vor Neuanfragen nach Therapieplätzen kaum retten, sodass ich schlussendlich einen kompletten Neuaufnahme-Stopp bis mindestens Jahreswechsel verkündete, um nicht noch mehr Zeit an die persönliche Bearbeitung dieser Anfragen zu verlieren. Im selben Zeitraum forderte die Terminservicestelle der KV bei uns wiederholt schriftlich, wir sollten doch bitte endlich mehr Termine zur Verfügung stellen, damit sie uns die vielen Menschen zur Aufnahme oder Sprechstunde schicken könnten, die direkt bei Ihnen ihren gesetzlichen Anspruch auf eine zeitnahe fachärztliche Behandlung einforderten. Mir ist im Übrigen auch keine Kolleg*in persönlich bekannt, die die von der KV angebotene Kompensationszahlung in Anspruch nehmen musste, um Verluste gegenüber den Vorjahren auszugleichen. Nichts spricht also für ein Nachlassen des Therapiebedarfs, Vieles für einen erheblichen Zuwachs. Das entspricht durchaus den fachlichen Vorhersagen. In der Juni-Ausgabe des Psychotherapeutischen Outlets des Deutschen Ärzteblatts PP versuchten die Autor*innen unter der Überschrift „Psychische Störungen werden zunehmen“ Studien und Erfahrungen aus vorherigen Epidemien zusammenzufassen und Prognosen für die Entwicklung psychischer Erkrankungen im Zuge der Covid19-Pandemie abzuleiten. Zusammengefasst prognostizierten sie einerseits eine bedeutende Zunahme der Neuerkrankungen an Angststörungen, affektiven Störungen und Traumafolgestörungen durch die Erkrankung selbst, das Miterleben von Erkrankungsfolgen und die begleitenden sozialen Einschränkungen. Obwohl sie die Pandemie zum Jahresende als unter Kontrolle angenommen hatten, prognostizierten sie diesen covid19-bezogenen Zuwachs über die nächsten vier Jahre hinweg. Zusätzlich verweisen sie auf die zu erwartende Verschlechterung bereits bestehender Erkrankungen. Die allgemeinen Beschränkungen betreffen einerseits den Zugang zu therapeutischen Angeboten, andererseits aber auch die Optionen, therapeutisch erforderliche Verhaltensveränderungen umzusetzen. Konfrontationstrainings, Aufbau angenehmer Aktivitäten und ausgewogener Tagesstruktur, körperliche Ertüchtigung, soziale Unterstützungs-Quellen. All diese wichtigen Komponenten moderner Psychotherapie werden erheblich beschränkt, sodass sich therapeutisch günstige Entwicklungen wieder ins Gegenteil umkehren können. Und anstatt sich weiter mit den laufenden therapeutischen Prozessen befassen zu können, benötigen die Patient*innen oftmals zunächst Unterstützung bei der Anpassung an die neue Lebenssituation, neu enstehenden oder verschärfenden Krisen und Belastungen. Wie gesagt: Die Autor*innen nahmen eine Kontrolle der Pandemie zum Jahresende an! In Wirklichkeit steht es in Europa schlechter denn je. Wir können nur mutmaßen wie sich dieser noch ungünstigere Verlauf auf den Behandlungsbedarf der Bevölkerung und der Hochrisikogruppen im Speziellen auswirken wird.

Wie eingangs bereits angesprochen leben wir in einem Gesellschaftssystem, das bei der solidarischen Grundversorgung der Gesamtheit stets Spitz auf Knopf plant. Wer in prä-Covid19-Zeiten versucht hat, einen Platz bei ambulanten Psychotherapeut*innen oder einer stationären psychotherapeutischen Behandlung zu bekommen, hat die bisherigen Mängel mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits kennengelernt. Die seit 2016 bei den Kassenärztlichen Vereinigungen angegliederten Terminservicestellen sind der Versuch, durch bessere, zentralisierte Verteilung der vorhandenen Ressourcen den sozialgesetzlichen Vorgaben zu entsprechen. Wir haben als gesetzlich Krankenversicherte schlichtweg das Anrecht auf eine zeitnahe fachärztliche Behandlung. Ich lehne mich nicht zu sehr aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass mehr als 3 Monate Wartezeit auf den Beginn einer Psychotherapie das Kriterium der zeitlichen Nähe nicht mehr erfüllen. Die durchschnittlichen Wartezeiten liegen seit ich denken kann deutlich über diesen 3 Monaten. Das taten sie auch 2019 noch – obwohl das Versorgungsangebot durch die Psychotherapeut*innen selbst seit den 00er-Jahren stetig verbessert wurde. Angestelltenverhältnisse, Jobsharing, das Teilen von Kassensitzen brachten neue Kolleg*innen in das Versorgungssystem und sorgten für eine bessere Auslastung der vergebenen Abrechnungsgenehmigungen, das heißt, zu mehr Therapieplätzen. Und zum lange fälligen Generationswechsel unter den Therapierenden. Junge, immer besser ausgebildete Kolleg*innen fließen endlich verstärkt in das System und mit ihnen höhere wissenschaftsbasierte Behandlungsstandards, die die Qualität der angebotenen Therapien für die Patient*innen erhöhen werden. Die demografische Verteilung unter den niedergelassenen Kolleg*innen bedroht dennoch weiterhin die psychotherapeutische Versorgung, denn während langsam jüngere Theras ihre Arbeit aufnehmen, altert der breite Stamm der Kolleg*innen zügig auf den Berufsaustritt zu. Bereits zu Beginn der 10-er-Jahre wurde von den Berufsverbänden gewarnt, dass eine Versorgungslücke aufgrund unzureichenden Nachwuchses und dem plötzlichen Wegfall der größten Alterskohorte unter den zugelassenen Theras drohe. Jetzt spitzt sich europaweit die Lage durch die Pandemie zu. Wie wollen die Länder der absehbar deutlich erhöhten psychischen Belastung ihrer Gesellschaften Rechnung tragen? Die Pandemie endet nicht mit der Durchimpfung irgendwelcher Bevölkerungen, denn sie wird sich sekundär in Form psychischer Erkrankungen fortsetzen. Die privilegierten Teile unserer Gesellschaft, die sich von Covid19 als Erkrankung nicht bedroht fühlen, werden sich in den nächsten Jahren noch umsehen, wie stark sie selbst dennoch von den Auswirkungen der Pandemie als gesellschaftlichem Phänomen betroffen sein werden. Natürlich sind wir geneigt uns zunächst den unmittelbar wichtigen Maßnahmen zur Eindämmung der eigentlichen Viruserkrankung zuzuwenden. Dennoch ist ein zu kurzsichtiger Blick auf das Geschehen eine gefährliche Nachlässigkeit: Um nur auf das vorpandemische Niveau der psychosozialen Versorgung zurückzukehren, wäre eine beträchtliche Verstärkung der Versorgungsangebote erforderlich. Dabei ist nicht nur die Rede von ambulanten Psychotherapien. Auch Freizeit- und Inklusionsangebote, Wiedereingliederungs- und Rehabilitationseinrichtungen sind Leistungen, auf die Patient*innen manchmal zu lange, manchmal und besonders mit regionalen Schwerpunkten sogar vergeblich warten. Der Druck auf all diese Systeme wird in den nächsten Jahren erheblich zunehmen.

Wenn Krisen etwas Gutes haben, dann sicherlich, dass sich in ihnen die bestehenden Schwächen zeigen. Ein konstruktiver Umgang mit Krise bedeutet eine bewusste Zurkenntnisnahme dieser systematischen Defizite und erlaubt sie zu reduzieren oder gar beseitigen, um auf neue kritische Bedingungen in Zukunft besser vorbereitet zu sein. Wir hätten 2020 sehr genau feststellen können, welche Bereiche gesellschaftlichen Zusammenlebens wir in der Vergangenheit besonders vernachlässigt haben. An welchen Bevölkerungsgruppen wir stets sparen, vielleicht auch, welche am Ende verzichtbaren wir genauso selbstverständlich mästen, ohne das je in Frage zu stellen.

Haben wir genau genug hingesehen? Oder haben wir den Blick abgewandt, als er uns zu unbequem wurde oder sich uns eine nur zu willkommene Ablenkung bot? Werden wir uns damit begnügen, bestimmte Standards für die Wenigen wieder herzustellen? Die Verluste durch ein kurzes aufflammendes Mehr an spontanen Freuden auszugleichen versuchen? Durch exzessives Reisen, Feiern, Kaufen und überdimensionale Massen-Events? Werden wir uns der Erleichterung hingeben und alles in uns hineinwerfen, das uns vergessen lässt? Oder können wir einen Fortschritt aus dem Scheitern generieren? Können wir historische Fehlentscheidungen rückgängig machen? Unsere Verletzlichkeit und die Vergänglichkeit unserer Lebensweise zur Kenntnis nehmen und daran wachsen? Können wir gar einige Erfahrungen mit der Pandemie auf andere große Probleme übertragen? Auf die Klimakatastrophe? Auf drohende globale Verteilungskämpfe?

Ich muss eine etwas pessimistische Erwartung diesbezüglich einräumen. Die Entwicklungen der letzten Monate lassen wenig hoffen, dass wir uns mit den besonders von den Folgen Betroffenen solidarisieren. Dass wir systematische Korrekturen vornehmen, dass wir unsere Prioritäten und Privilegien prüfen und den Erfahrungen gemäß anpassen. Zumindest nicht auf breiter Fläche – soviel scheint klar. Mag aber sein, dass Einzelne etwas gesehen, etwas gelernt haben, das sie in Zukunft nutzen, das sie in ihre Umwelt tragen werden. Dass Lehren der Krise so doch langsam in das Denken der Masse einrieseln und nachhaltige Veränderungen begründen. Und daran, dass sich die Einzelnen nachhaltig verändern können, glaube ich als Psychotherapeut natürlich …

Natürlich war nicht alles schlecht 2020! Auch gesundheits-systemisch nicht: Die zentrale Beschaffung und Verteilung von Verbrauchsartikeln zur Umsetzung der Hygienevorschriften durch die KV verlief zumindest hier in NRW aus meiner beschränkten Sicht der kleinen ambulanten Psychotherapiepraxis ganz befriedigend. Da wurden schnelle Lösungen gefunden als sie benötigt wurden und auch mit der Kommunikation war ich einigermaßen zufrieden. Als Online-Sprechstunden wichtig wurden, wurden unkompliziert Fördergelder verfügbar zur Anschaffung technischer Mittel gemacht und wurden hinderliche Vorschriften kurzfristig außer Kraft gesetzt. Ich denke sowohl die Behandelnden als auch die Verwaltenden haben sich sehr engagiert, um die Versorgung der Versicherten so gut und so schnell wie möglich wieder sicherzustellen.

Mich als Thera hat die Krise gezwungen, ein paar Neuerungen in Angriff zu nehmen, die ich vorher stets aufgeschoben hatte, weil ich mich beruflich so schon gänzlich ausgelastet fühlte. So hat die Option der Video-Kommunikation in Therapie, Supervision und kollegialer Zusammenarbeit Einzug gehalten und ich bin ziemlich sicher, dass sie nicht mehr aus unserem Arbeitsalltag verschwinden wird. Die Auseinandersetzung über das Wie, Wann und Wieviel technischer Mittel hat damit indes sicher gerade erst begonnen. Aber auch das ist ein wichtiger Fortschritt. Wir erschließen uns damit neue Methoden zur Behandlung oder Behandlungsunterstützung, ermöglichen bestimmten Patient*innen-Gruppen erst die Teilnahme an unseren Therapieangeboten. Werden aber auch dafür streiten müssen, die Grenzen und potenziellen Schäden und Verluste eines undifferenzierten Einsatzes technischer Hilfsmittel aufzuzeigen.

Die persönlichen Einschränkungen in der Pandemie und die Auseinandersetzung darüber mit von Marginalisierung betroffenen Menschen hat mein Bewusstsein für meine eigenen Privilegien und meine selbstverständliche Ignoranz ihren Lebensrealitäten gegenüber geschärft. Damit treffen auch meine Patient*innen nun bei mir auf ein besseres Verständnis für ihre Situationen und Perspektiven, sei es aufgrund chronischer somatischer Erkrankungen, Armut, Leben in gewaltvollen Umgebungen, mangelndem Zugang zu Infrastruktur oder sozialer Isolation. Es gilt für mich, dieses Bewusstsein wach zu halten, auch wenn die alltäglichen Einschränkungen mich nicht mehr selbst betreffen.

Wie wird es 2021 weiter gehen? Ist das mehrfach zum Schauer-Jahr erklärte 2020 einfach vorbei und nun erwartet uns die Erlösung? Schließlich ist Trump … naja fast … weg. Der magische Impfstoff, der uns alle retten wird, ist gleich in mehrfacher Ausgabe da. Können wir bald einfach weitermachen mit all dem, mit dem wir im letzten März aufgehört haben?

Ich habe ja schon vorweggenommen, dass ich für 2021, 2022 und eventuell auch noch etwas länger danach nicht mit einer deutlich günstigeren Lage rechne. Aber wie so oft ist die Prognose sehr abhängig davon, wessen Zukunft wir betrachten.

In der Tat ist zu befürchten, dass mit dem Eintreffen der ersten Impfdosen für einige Menschen die Rückkehr ihrer persönlichen Freiheit bereits begonnen hat. Mit jeder Impfung, die im persönlichen Umfeld dieser Menschen vorgenommen werden wird, wird auch die persönliche Betroffenheit von Risiken und drohenden menschlichen Verlusten abnehmen. Wenn die eigene Oma nicht mehr von der Infektion betroffen sein wird, wird der Impuls, aus Rücksicht eine Maske im Alltag zu tragen, für viele Menschen gut sichtbar nachlassen. Dass ein bedeutender Teil sogenannter Risikogruppen zunächst nicht in den Genuss der schützenden Impfung kommen wird, weil das individuelle Risiko durch die Impfung vor den Krankheitshintergründen zu hoch oder zumindest zu ungewiss ist. Das wird als Motiv genauso wenig ausreichen, wie bisher dafür, sich jährlich zum Schutz der Anderen gegen die Influenza impfen zu lassen und vielleicht sogar bei Symptomen eine Maske zu tragen. Die Zahl derer, die das doch tun, wird im Vergleich zu früher etwas zunehmen, denn manchmal fehlt einfach nur eine bestimmte Information, um die längst vorhandene Bereitschaft, sich zu solidarisieren, zu aktivieren. Aber es werden in überwiegendem Maße die Gruppen sein, die bereits auch bei anderen Themen aus Mitgefühl und ethischer Haltung heraus zurückstecken, verzichten, Zeit und Arbeit investieren.

Entsprechend ist zu befürchten, dass die Maßnahmen gegen Covid19 auch 2021 nicht mit der notwendigen Konsequenz ausgeführt werden, und wir uns noch länger mit den Folgen dieser kollektiven Planlosigkeit konfrontiert sehen werden. Wir werden fortlaufend und leider wohl auch zunehmend die Auseinandersetzung mit denen führen müssen, die das Tragen eines Stofffetzens vor dem Mund, das regelmäßige Händewaschen und das Wahren von Distanz als vergleichbar belastend betrachten wie die stetige Lebensbedrohung mit der andere Menschen leben müssen. Diese gleiche Maßlosigkeit, die beim Abwägen der eigenen Wohlstandsinteressen gegen die existenziellen Interessen anderer Menschen, schon immer zum Tragen kommt. Den Interessen von Menschen ohne ein schützendes Zuhause, ohne basale Gesundheitsversorgung, ohne gesicherte Ernährung, ohne Zugang zu sauberem Wasser, ohne Chance auf eine selbstbestimmte Entwicklung.

2020 wurde eben nicht magisch zu dem „Worst year ever“, wurde nicht verflucht. Qualität und Ausmaß dessen, was 2020 für viele von uns symbolisiert, ist das langfristige Ergebnis menschlichen Handelns. Der strukturellen Defizite, die wir auf individueller wie auf globaler Ebene über die Geschichte hinweg kultiviert haben. Wir haben uns Schritt für Schritt entschlossen, uns abzulenken, unbehagliche Gedanken und Wahrheiten von uns fern zu halten und auf ein Morgen zu verschieben, dass für einige 2020 etwas früher kam, als sie sich erhofft hatten. Generationenübergreifend hoffen wir, dass die großen Katastrophen die Welt erst dann heimsuchen, wenn wir schon längst unter der Erde liegen. Anlässlich eines natürlichen Todes nach einem erfüllten Leben, so mit 123 oder so ….

Dass diese Rechnung nicht aufgehen könnte, sollte spätestens 2020 allen klar geworden sein. Nachdem wir gelernt haben, die Gefährdeteren mit unserer Solidarität zu schützen und uns an die damit verbundenen, hoffentlich zeitlich begrenzten, Verluste anzupassen, müssen wir zu den zahlreichen nicht minder bedrohlichen Themen zurückfinden. Müssen uns zum Beispiel daran erinnern, dass Rassismus weiterhin eine reale Lebensbedrohung für einen Großteil unserer Mitmenschen darstellt, auch weil die Privilegien, die Macht in dieser Welt rassistisch verteilt sind. Daran erinnern, dass der Gegenwartswohlstand sich aus dem Raub an den zukünftigen Lebensverhältnissen auf diesem Planeten speist. Dass das Prinzip eines sich selbst regulierenden Marktes ein faules und verantwortungsloses Rechtfertigen der eigenen Vorherrschaft und Gleichgültigkeit darstellt und eben nicht zu einer fairen Umverteilung sondern zur Vergrößerung von Machtungleichheit führen muss.

Von meinen Erwartungen für diese eher großen Zusammenhänge zu den kleineren, zu denen, die mich vor allem in meiner Rolle als Psychotherapeut betreffen.

Wie bereits beschrieben rechne ich mit einem anhaltenden Ansturm auf meinen Anrufbeantworter. Ich rechne damit, dass uns zusätzlich die Hausärzt*innen und die Terminservicestellen der KVen in heerer Absicht bedrängen werden, Ihnen den eigenen wachsenden Druck abzunehmen. Schließlich werden viele von uns ambulanten Theras sich nicht mehr anders zu helfen wissen, als weitere Anfragen abzulehnen und ihrerseits an andere bereits überlastete Stellen weiterzuleiten. Für komplexe Störungsbilder, für die eine 10-Sitzungs-Kurzzeit-Intervention nunmal nicht ausreichen wird, werden die Wartezeiten auf schlechter passende Therapieangebote weiter zunehmen. Laufende Therapien werden durch immer wieder auftretende Lockdowns oder Sitzungsausfälle unterbrochen, im Prozess gestört werden und so an Effizienz verlieren. Das werden auch Online-Sitzungen nicht verhindern können. Als wäre das nicht genug, tritt mit dem 01.01.2021 die elektronische Patientenakte in Kraft. Wir müssen offiziell dran teilnehmen – quasi ab sofort. Die dafür erfoderlichen Heilberufsausweise gibt es für Psychotherapeut*innen dabei noch gar nicht. Nicht ein Anbieter steht bisher zur Verfügung, vom versprochenen „Markt“ weit und breit keine Spur. Wobei mir zu keinem Zeitpunkt klar war, warum zur Ausgabe von Ausweisen ein Markt geeigneter sein sollte als der längst vorhandene Verwaltungsapparat. Da freue ich mich doch auf den Vortrag beim diesjährigen Remote-Kongress des Chaos Computer Clubs, der uns voraussichtlich weitere Lücken in der in den letzten 4 Jahren installierten Telematik-Infrastruktur präsentieren wird. Über diese Katastrophen deutscher marktradikaler Gesundheitspolitik ließe sich wohl ein eigener Podcast füllen. Darüber zum Beispiel, dass vermutlich 80% aller Praxen von den Anbietern fachkundig mit einer Reihenschaltung der sogenannten Konnektoren ausgestattet wurden, die zu keinem Zeitpunkt den Sicherheitsrichtlinien entsprach. Deshalb können jetzt wieder neue Subunternehmen uns so bezeichnete Hardware-Firewalls anbieten, die wir ebenfalls monatlich per Abo finanzieren sollen, um die Defizite der bisherigen Installationen auszubügeln. Nichts wächst in diesem Ökosystem so schnell wie die neuen Geschäftsmodelle, mit denen Geld aus dem unterfinanzierten Gesundheitssystem gesaugt werden kann.

Aber neben aller Dystopie freue ich mich auch. Ich freue mich auf die weitere Zusammenarbeit mit meinen Patient*innen, mit diesen vielfältigen wunderbaren Menschen, mit denen zusammen ich versuche, ihre Leben wieder in eine glücklichere Bahn zu leiten. Mit ihnen Möglichkeiten zurückzuerobern, Fähigkeiten auszubauen und ihre Teilhabe an all dem, das wir Gesellschaft nennen, zu verbessern. Ich bilde mir ein, dass sie dabei Kompetenzen entwickeln, die sie bewusster, unabhängiger, selbstbestimmter – und im Einzelfall vielleicht auch mitfühlender machen. Ich bilde mir gern ein, dass das mein kleiner aber auch nicht ganz unbedeutender Anteil an Veränderung ist. An Veränderung, die wir alle im Grunde so unglaublich dringlich brauchen. Ob uns das bewusst ist oder nicht.

Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit großartigen und engagierten Kolleg*innen, hoffentlich eine Rückkehr in den kollegialen Diskurs und sei er auch nur videofonisch. Ich freue mich auf die Wiederbegegnungen mit den Freund*innen und Genoss*innen, die für eine bessere, solidarischere, gleichgestellte und offene Welt kämpfen. Hoffentlich irgendwann auch wieder im persönlichen Kontakt, auf der Straße, in den Zentren.

PLBD012 Irgendwie mit Juna

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Mitwirkende

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Homer S. (er)

Shownotes

Vorwort


Herzlich Willkommen zur 12. Ausgabe der Plapperbude. In dieser Episode unterhalte ich mich ohne Skript und Themenvorgabe mit der Autorin Juna Grossmann. Juna hat 2018 ihr Buch „Schonzeit vorbei“ veröffentlicht. Bereits zuvor und darüber hinaus verbloggt sie ihre Perspektive unter irgendwiejuedisch.de. Im Gespräch berühren wir unter anderem die Themen Corona-Pandemie, Rassismus, Antisemitismus und Marginalisierung insgesamt. Das Gespräch wurde aufgenommen am 30.06.2020.

Anmerkungen und Fragen zur Episode könnt Ihr wie immer direkt auf plapperbu.de, unter dem Veröffentlichungs-Toot auf Mastodon oder in der Plapperbude-Matrix-Community loswerden.

Nix mit mehr Zeit!

Juna:

  • Entlastung durch Ausfall von Veranstaltungen: Brauchte ne Pause.
  • Sorge um Freunde
    • deren Buchveröffentlichungen in die Pandemie fielen
    • die erkrankten – ernste Covid19-Erkrankungen, Risikogruppe
  • Museenschließungen: Kein Urlaub für Mitarbeiter*innen
    • Laufende Prozesse müssen geregelt werden
    • Unterschiede, wie sich Einrichtungen um die verschiedenen Beschäftigten kümmern
    • Mehr Anfragen von Menschen weil Archive zu und offenbar mehr Zeit als sonst für Nachforschungsthemen.
      • SocialMedia-Verantwortung darunter deutlich gestiegen.
    • Mehrere Jahrestage fielen in die Zeit, die durch EInschränkungen nicht einfach wegfielen.
  • Ergebnis: Sogar Überstunden Museeum ist mehr als nur Besuchszeiten.

Homer:

  • Ähnliche Phänomene in Praxisbetrieb
    • Technik-Aufbau für Video-Sprechstunden
      • Hardware auftreiben in Mangelzeiten
      • Hinreichende Bandbreite auf allen Seiten
    • Formalia, Datenschutz, Bürokratie im Eilverfahren
  • Am Ende mehr Arbeit als sonst …Keine zusätzlichen Bücher gelesen …

Vorzüge in Pandemie

  • So viel stiller draußen in der Stadt. Viel weniger Autos.
  • Luft klarer.
  • Tiere kehren zurück …
  • Leben ohne Auto angenehmer unter Ausnahmebedingungen.
  • Gesellschaft verpasst die Chance auf Veränderungen, die Pandemie hätten anstoßen können (Verkehr).
  • In Berlin deutlich mehr Räder unterwegs.

Sozialverhalten in der Pandemie

Marginalisierte Gruppen

  • Mangelnde Rücksichtnahme und Interesse auch aus anderen typischen Bereichen von Marginalisierung bekannt
  • Leugnen, bewusste Ignoranz, Schutzbehauptungen, Tokenismus
  • Problem mangelnder Repräsentation

Rolle eigener Sozialisation

  • Janusz Korczak https://de.wikipedia.org/wiki/Janusz_Korczak
  • Informationsaufwand heute deutlich geringer als noch vor 30 Jahren:
    • Bücher, Podcasts etc. zu verschiedenen Aspekten von Marginalisierung
    • Lust und die Neugier auf das Kennenlernen neuer Perspektiven (Vorsichtige Ankündigung eines neuen Medienprojekts)
    • Einwand beschränkter Erfahrungswelten und damit verbundener Werte und Interessen.
  • Rolle von Othering auch bei Ignoranz der Weißen.
  • Über Mechanismen und Reflexe, die Marginalisierung erhalten.

Twitter bzw. andere Netzwerke

  • Während Covid19 an frühe Zeiten von Twitter erinnert:
    • Unterstützend, solidarisch …
    • … aber nicht lange.
      • oft Kämpfe im großen Verband: Herrschende Clique bestimmt, wer jetzt dran ist. An Schulhof-Mobbing erinnert.
      • „Twitter ist nicht gut für die Seele“ wg. der dort etablierten Feindseligkeit.
  • Was können welche Netzwerke weswegen leisten bzw. nicht leisten?
    • Systematische Unterschiede und unerfreuliche Entwicklungen mit der Zeit und Größe eines Netzwerks
    • Schulhofgefühl (s.o.)
    • Frustkübel Twitter – die schlechte Laune rauslassen. Formt die Gesamtstimmung des Netzwerks.
    • Netzwerk als Werkzeug(e), dessen Form seine Nützlichkeit bestimmt
      • Bsp. Content Warnings als Mittel zum Autonomiegewinn
    • Subjektive Bedeutung des Online-Lebens abhängig von Lebensumständen
  • Ich-Orientierung und mangelnde Perspektivwechsel

Erfahrungen aus Junas Lesungen

  • Menschen begreifen selbst nach den rezitierten Geschichten die Bedeutung und Gegenwart von Antisemitismus nicht.
  • Gewöhnung an Diskriminierung
  • Anekdoten

Wahrnehmung von „Andersheit“

Umgang mit Diskriminierung und Marginalisierung

Jüdisches Leben in D

Abschied und Dank

Feedback-Hinweis

Mastodon-Account der Plapperbu:de https://social.tchncs.de/@Plapperbude
Matrix-Community der Plapperbu:de https://matrix.to/#/+plapperbude:ismus.net

Tonquellen

Intro und Outro:

Intermission entstammt:

PLBD011 Chronische Erkrankungen ++

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Mitwirkende

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Lotte

Shownotes

Es spricht Lotte, die Ihr bereits aus der Trilogie über Chronische Erkrankungen kennt:

Falls Ihr den Podcast erst sehr viel später hört, hier eine

Lottes Erleben des „Lockdown“

Der Matthäus-Effekt: „Wer hat, dem wird gegeben“

Das Problem der Reduktion auf die Repräsentation

Die Krankenhaus-Anekdote

Pandemiezustand als Chance zum Perspektivwechsel

Die Stuhlgymnastik-Anekdote

Einsamkeit und Bedeutung sozialen Kontakts

Wie daraus 1 Podcast machen?!

Feedback-Hinweis

Mastodon-Account der Plapperbu:de https://social.tchncs.de/@Plapperbude
Matrix-Community der Plapperbu:de https://matrix.to/#/+plapperbude:ismus.net

Tonquellen

Dank für Intro und Outro gilt:

Lesung »Schonzeit vorbei«

Plapperbu:de presents:

Juna Grossmann liest aus ihrem Buch »Schonzeit vorbei«

Nirgendswo auf der Welt gibt es ein anderes Volk dass so verhasst
ist wie ihr Juden. Ihr Juden seid keine Menschen, sondern eine
Krankheit, das man vermeiden muss. Die Welt vermisst Hitler,
insbesondere die muslimische Welt. Eines Tages wird es für euch
Juden ein böses Erwachen geben, so dass ihr sogar Hitler um Hilfe
bitten werdet.

Diese Zeilen sind ein orthographisch unveränderter Auszug aus den täglichen
Zuschriften an Juna Grossmann. Juna Grossmann arbeitet in einer NS-
Gedenkstätte und beobachtet seit Jahren, wie offene judenfeindliche Angriffe
zunehmen, lauter werden, bedrohlicher. In ihrem Buch schildert sie das Leben
unter diesem permanenten antisemitischen Beschuss, berichtet vom Wachsen
einer Angst, die sie vor einigen Jahren noch nicht kannte, und davon, wie sie
eines Tages merkte, dass auch sie mittlerweile auf gepackten Koffern lebt, bereit
zur Flucht vor dem Hass. Weil sie sich damit nicht abfinden will, geht sie in die
Öffentlichkeit, schreibt dieses Buch zum 80. Jahrestag des Novemberpogroms
von 1938 und appelliert an ihre Mitbürger*innen: „Steht zu uns, helft uns, greift
ein! Denn auch für euch ist die Schonzeit vorbei.“

Lesung

Nach zahlreichen Lesungen in ganz Deutschland seit Veröffentlichung ihres Buches 2018 kommt Juna nun auch endlich nach Münster. Mit freundlicher Unterstützung des AStA der Universität Münster, der Falken/SJD sowie des leo16 Kultur- und Kneipenkollektivs begrüßen wir Juna

am Samstag, dem 29. Februar 2020

ab 19:00 Uhr

in der Leo16, Herwarthstraße 7, Münster

Die Teilnahme ist dank Förderung kostenfrei, der Platz in der Leo16 allerdings begrenzt. Wir bitten daher um verbindliche Voranmeldung (bei Gruppen unter Angabe der Gruppengröße) an lesung@plapperbu.de (GPG-Key).

Wir bitten um Verständnis, dass mit der Anmeldung keine Sitzplatzgarantie verbunden ist. Wir rücken zusammen, damit möglichst viele Menschen an Junas Lesung teilhaben können.

Selbstverständlich sind Menschen mit antisemitischer oder anderer menschenfeindlicher Haltung nicht willkommen und von der Teilnahme ausgeschlossen.

PLBD010 Content Warnings

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Mitwirkende

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Homer S. (er)

Shownotes

INHALTSWARNUNG

00:00:01
  • Die vorliegende Episode beschäftigt sich mit dem Umgang einer sich selbst als "normal" definierenden Mehrheitsgesellschaft mit marginalisierten Bevölkerungsgruppen. Insbesondere, wenn Du zu einer dieser Gruppen gehörst, kann dich der Inhalt emotional aufwühlen oder andere Belastungen auslösen oder verstärken. Prüfe bitte vor dem Anhören, ob Du Dich gerade in der Lage fühlst, Dich mit Diskriminierungs~ und Ausgrenzungserfahrungen auseinanderzusetzen. Andernfalls kannst Du das Anhören auf einen späteren, stabileren Zeitpunkt verschieben. Wenn Du Dich für das Anhören entscheidest, prüfe zwischenzeitlich Deinen Zustand und Deine Energieressourcen und erlaube Dir, das Anhören regelmäßig zu unterbrechen und Dir ausreichend lange Pausen zu gönnen. Ein wesentlicher Vorteil von Podcasts ist schließlich, dass sie Dir nicht weglaufen 🙂 Es kann auch hilfreich sein vorab zu prüfen, ob dein soziales Unterstützungsnetz (Freund*innen, Behandler*innen, Begleiter*innen, Krisentelefon etc.) im Notfall zeitnah verfügbar ist.

Vorwort

00:09:31
  • Jahre alte Debatte/Streit über Sinn und Unsinn von Inhaltswarnungen
    • Entbrennt in regelmäßigen Abständen insbesondere in sozialen Netzwerken
    • Unversöhnliche Positionen, die zu Zerwürfnissen, Block-Orgien und Invalidierungen führen
    • Auseinandersetzung bleibt oft oberflächlich auf Basis von Halbwissen
      • z.B. häufig verbreitete Folge eines Podcasts mit drei weißen Männern als Kronzeugen gegen die Forderung nach Inhaltswarnungen.
    • Mehrheit bewegt sich auf Kontinuum zwischen teilweisem Unverständnis für weitreichend erscheinende Forderungen und der kategorischer Ablehnung.
    • Natürlich unwahrscheinlich, dass sich "Hardliner*innen" überzeugen lassen wollen.
    • Aber für Ambivalente, Wohlwollende mögen ergänzende Informationen zu Inhaltswarnungen für eine Bereitschaftsänderung ausreichend sein.
  • Dazu möchte ich aus meiner Perspektive eines psychotherapeutischen Praktikers, versuchen beizutragen.

Was sind Inhaltswarnungen?

00:20:13
  • Stichworte für Themen, die als besonders belastend für alle oder bestimmte Gruppen bekannt sind.
  • Aber auch Thematische Hinweise, auf Themen, die nicht allgemein als belastend anerkannt sind.
    • Ggf. als Serviceleistung an die Gesamtheit, um in großer Informationsmenge schneller gewünschte von aktuell unerwünschten Inhalten zu trennen.
  • Ausführungen beziehen sich vor allem auf CW im Rahmen sozialer Netzwerke,
    • die sich in der technischen Unterstützung stark unterscheiden
  • CW können aber vor jede Art von Kommunikation geschaltet werden, bei Vorträgen, Podcasts, Filmen, Büchern, Artikeln, Blogeinträgen etc.

Was sind Trigger?

00:26:35
  • Traumafolgestörungen
    • Begriff "Trigger" spielt wichtige Rolle in Kontext von Traumafolgestörungen.
    • Dort können im langjährigen Verlauf sogar völlig neutrale Reize mit Bruchstücken von Traumaerinnerungen verknüpft und so zu Auslösern unfreiwilligen Wiedererlebens werden.
    • Spezifischere Reize haben aber weiterhin höhere Auslöse-Wahrscheinlichkeit.
  • Dysfunktionale Schemata
    • Auch sog. frühe dysfunktionale affektive Schemata können "getriggert" werden.
    • Das sind in Kindheit und Jugend erworbene Erlebensmuster bzw. Erinnerungen an nicht günstige bewältigte emotionale Überforderungserfahrungen.
    • Ähnliche Situationen oder starke ähnliche Gefühle können diese Schemata auslösen, die sehr leidvoll erlebt werden und zu unangemessenem Bewältigungsverhalten führen.
  • In beiden Fällen steigen Belastung und Überforderung sprunghaft an und lösen eine Krise aus, die von Stunden bis zu Wochen oder Monaten anhalten kann.
  • Chronische Belastungen
    • Chronische Belastungen beschreibt unspezifisch ein breites Feld von Eigenschaften oder Bürden, die in unserer Welt diverses Leid bedeuten können.
    • Chronische Erkrankungen, Behinderungen, Hautfarbe, Geschlecht/Gender aber auch bedürfnis- oder verhaltensbezogene Abweichung von der Normgesellschaft erfüllen dieses Kriterium.
    • Die stetige Konfrontation mit den Ausgrenzungs- und Marginalisierungsmechanismen ihrer Umgebung frisst andauernd an ihrer Energie, ihrer Lebensfreude, ihren materiellen Ressourcen, was zu immer weiterer Benachteiligung im Vergleich zur privilegierten Normgesellschaft führt.
  • Beispiele für die Lebensrealität von Menschen mit chronischen Erkrankungen findet Ihr in den Folgen 7-9 der Plapperbude
  • nähere Erklärungen zu Traumafolgestörungen in
  • Mehr zu den Konsequenzen von Rassismus empfehle ich die Lektüre von
    • Eddo-Lodge, R. (2019) . Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche (1. Aufl.) . Tropen.
  • zu denen von Antisemitismus in Deutschland
    • Grossmann, J. (2018) . Schonzeit vorbei (1. Aufl.) . Droemer Knaur.

Betroffene

00:39:01
  • Inhalts~ oder Triggerwarnungen geben den Betroffenen vorgenannter Gruppen Kontrolle über ihre aktuelle Belastung.
  • Die ausgewogene Steuerung aus Konfrontation und Stabilisierung ist Basis jeder qualifizierten Behandlung ggf. vorliegender psychischer Leiden.
    • Überforderung verschlimmert das Leiden, Langfristige Vermeidung ebenfalls.
    • Nur ein Gleichgewicht, dass beide Pole meidet ermöglicht erfolgreiche Bewältigung
    • Oft pendeln Betroffene aber zwischen den Polen und bestimmen ihr Handeln nur sehr eingeschränkt selbst. Diese Selbstbestimmung setzt Entscheidungsmöglichkeiten voraus.
  • Das Fehlen von Entscheidungsmöglichkeiten verhindert somit die Teilnahme an Kommunikation, die diese Notwendigkeit verweigert.

Solidarische

00:45:57
  • Durch fehlende Rücksichtnahme werden Betroffene bereits aus dem Diskurs gedrängt bzw. werden ihre Forderungen invalidiert, sie als Person ggf. diskreditiert.
  • Solidarische Menschen versuchen entsprechend diese Lücke zu kompensieren, indem sie sich stellvertretend in die Auseinandersetzung begeben. Daraus folgen einige Problem.
    • Betroffene sprechen dadurch ggf. erneut nicht für sich, werden auch von Solidarischen zu wenig gehört und so trotz Fürsprache marginalisiert.
    • Solidarische verkennen ggf. die Unvollständigkeit ihrer Perspektive, da sie nicht auf Erfahrung sondern empathischem Nachempfinden beruht.
    • Invalidierung Betroffener als abhängig, defizitär, ungenügend.
  • Generell sind sie aber erforderlich, um die Marginalisierung durch Feindselige oder Gleichgültige zu überwinden.

Gegner*innen

00:51:54
  • entstammen überwiegend Populationen, die maximal einen Marginalisierungs-Faktor auf sich vereinen:
    • Deutsche Twitteria
    • Tech-Bros
    • Podcast-Szene
  • sind allein durch Zugehörigkeit, Einbindung in solche Gruppen wiederum privilegiert / in einer Mehrheit.
    • Bekanntes Problem: Wer privilegiert ist sammelt dadurch tendenziell immer mehr Privilegien an, wer von Marginalisierung betroffen ist, wird über die Zeit von immer mehr Marginalisierung betroffen.
      • Populärstes Beispiel: "Die immer weiter auseinander klaffende Schere zwischen Arm und Reich".
  • Selbstbild: aufgeklärt und unheimlich bewusst, mitfühlend und tolerant. Was im relativen sozialen Vergleich vermutlich sogar Bestätigung findet.
    • Forderungen Marginalisierter an sie sind in ihrer wichtigen und unglaublich beschäftigten Welt nicht vorgesehen. Sind ein Frevel am positiven Selbstbild.
    • Forderungen stören den eigenen Flow und Bedürfnisse nach Effizienz.
    • In der ablen "Macher~Welt" sind Zuhören und Verstehen zu langsam. Beschäftigung mit Problemen ist lästig, stört, hält auf. Entsprechend um (vermeintliche) Lösungen oder Ratschläge nie verlegen.
      • Sehr Techi~typisches Problem und einer Zeit geschuldet, in der Einzelpersonen alleine Programme entwickelten und nicht auf Kooperation angewiesen waren.
  • wenig bis keine substanzielle Einblicke in die Lebensrealität marginalisierter oder eingeschränkter Menschen == "toter Winkel"
    • strukturelle Benachteiligungen oftmals kaum bewusst, wenn dann sehr oberflächlich
    • Unterschätzung begleitender sozioökonomischer Privilegien (zumindest der Herkunft und dem Ausbildungsgrad nach) .
      • Bedeutung der Verfügbarkeit von Ressourcen zur Diskursteilnahme und damit Macht in der diskursiven Auseinandersetzung mit Marginalisierten.
      • Aus Gewöhnung an eigene privilegierte Umwelt folgt der Anspruch auf Definitionsmacht, was angemessene Forderungen an sie sind.
      • selbst wenn Menschen mit Marginalisierungsgrund persönlich bekannt, handelt es sich dabei i.d.R. um 'relativ Privilegierte', d.h. deren Kompensationschancen am höchsten sind. Diese eigenen sich oft optimal als Token.
      • entsprechend können auch eigene ggf. überwundene Belastungen zur Delegitimierung von Forderungen anderer Betroffener ins Feld geführt werden.
        • Ohne jede Differenzierung und unter Ausblendung der eigenen relativen Privilegien (Intersektionalität)
  • Alles Leiden entsteht aus Anhaftung oder Unwissenheit.
  • Übersetzt: Gier, Egozentrik, Abhängigkeit und schlichter Mangel an Information (z.B. Mangels vergleichbarer Perspektive oder Kontakt) .
  • Gegen die ersten drei kann ich hier wenig tun. Aber neue Informationen kann ich vielleicht liefern.

"Die Welt ist nun mal so!"

01:10:07
  • Das Verbergen in der Realität auftauchender Inhalte oder Objekte sei nutzlos, weil sie sich ja eben nicht vermeiden ließen.
  • Suggeriert ein Schwarz~Weiß~Bild von Realität, die vollständig determiniert sei. Negiert die Steuerbarkeit von Belastungen auf Kontinuen sowie abhängig davon den Sinn von Schutzräumen für Schutzbedürftige.
    • Meist nur für das gerade opportune Thema. Bei anderen Themen wird das oft zugestanden.

"Kein Beweis für Wirksamkeit"

01:13:30
  • Es gibt zu diesem Bereich insgesamt wenig belastbare empirische Forschung ~ aus diversen Gründen
    • Content Warnings an sich sind ein vergleichsweise junges Konzept - schon weil auch Internet-Netzwerke an Forschungszeiträumen gemessen sehr jung sind.
    • Marginalisierungen werden selbstverständlich auch in Forschungskontexten marginalisiert - schon allein weil auch die Forschenden im Schnitt weit weniger Marginalisierungen ausgesetzt sind als die Restbevölkerung. Mehrfach Marginalisierte schaffen es i.d.R. erst gar nicht in akademische Zusammenhänge.
    • aus dem selben Grund ist die Forscher*innen-Perspektive in den wenigen vorliegenden Arbeiten oftmals eine wiederum beschränkte.
    • Psychotherapie und ihre wissenschaftliche Erforschung ist ebenfalls noch extrem jung. Damit sind die Verständnisse von Belastungen, Störungsbildern und einhergehender Marginalisierung in stetigem Wandel, was die Verbesserung der Realiabilität und Validität von Forschungssettings keinesfalls erleichtert.
      • Psychotherapie orientiert sich aber aus guten Grund zunächst immer an der subjektiven Wahrnehmung und den authentischen Bedürfnissen der Hilfesuchenden und invalidiert weder ihre Wahrnehmung noch ihre Ansätze zur Bewältigung.
  • Das Fehlen von Wirksamkeitsbeweisen ist kein Beweis für Unwirksamkeit. Ein Vergleich mit Pseudomedizin wie Homöopathie verbietet sich, da die Sachlage hier eine völlig andere ist: Es gibt zahlreiche Gegenbeweise, Es handelt sich um einen nachvollziehbaren Missbrauch durch Dritte, nicht Betroffene, Eine Wirksamkeitsprüfung von Homöopathie ist leicht nach bewährten Standards durchführbar. Das ist bei CWs sehr viel komplexer.
    • Selbst wenn CW wie Homöopathie maximal eine Plazebo~Wirkung hätten, wäre das ein Argument FÜR ihren Einsatz, da nicht nur keine NW sondern auch nahezu kosten~ und missbrauchsfrei.
    • Ein Schaden durch CW ist nicht nur nicht bekannt sondern auch nicht plausibel.

"Vermeidung muss überwunden werden - Mach ne Therapie!"

01:13:34
  • Richtet sich entweder auf Menschen mit Traumabackground. Dann völliges Misskonzept von Traumafolgestörungen.
  • Oder die Ferndiagnose ergibt geringere Störung.
    • Auf jeden Fall wäre damit die Annahme verbunden, die Legitimität der Forderung besser beurteilen zu können als die sie Stellende.
  • Außerdem Überwinde man seine Probleme ja durch Konfrontation ~ "Das weiß man ja."
    • Tatsächlich sind Expositionstherapien in der modernen Psychotherapie bei Angststörungen inklusive Zwängen dominant, gut empirisch abgesichert und erstes Mittel der Wahl. Aber: Es gibt halt nicht nur Angststörungen.
      • Traumafolgestörungen, Essstörungen, Persönlichkeitsstörungen, Schizophrenie, dissoziative Störungen sind etwas komplexer als eine spezifische Phobie.
      • Selbst wenn dort dominante Behandlungskonzepte Exposition beinhalten, ist das jeweils nur ein Bestandteil eines umfangreicheren Pakets und i.d.R. nicht eben durch eine dreimonatige Kurzzeittherapie aus 10 Sitzungen bewältigbar. D.h. die Betroffenen müssen ggf. trotz Therapie viele Jahre oder sogar bis Lebensende mit erheblichen Belastungen leben.
      • Reizoffenheit/Hypervigilanz und Übererregtheit/Hyperarousal sind sehr typische Symptome von z.B. Traumafolgestörungen oder im Bereich autistischer Erscheinungsformen. Diese sind teilweise nicht durch Therapien veränderbar, beruhen z.T. auf irreversiblen physischen Abweichungen vom Bevölkerungsdurchschnitt.
    • Empiriebasierte Manuale bilden nur teilweise therapeutische Realität ab. Reine Störungsbilder sind die Ausnahme, Komorbiditäten Regelfall.
    • Zugang zu Psychotherapie ist AUCH IN DEUTSCHLAND ein Privileg! Sie ist im Durchschnitt weiß, besserverdienend, able, klassistisch ~ von den Therapeut*innen gar nicht zu reden. Es gibt eine große Bandbreite an Unsicherheit erzeugenden Faktoren - befindlich in der Störung selbst, in der Variabilität therapeutischer Kompetenz, im Vorwissen über Störung und Therapie, in der Haltung üblicher Zuweiser*innen, in Wartezeiten und Sitzungsbeschränkungen, der Variabilität verfügbarer Ansätze ....
  • Ratschläge sind auch Schläge. Wenn Rat noch dazu lediglich auf Halbwissen und der eigenen ggf. privilegierten Erfahrung beruht, wäre demütigere Haltung vielleicht angebrachter.

"Jede*n triggert was anderes - dann müsste man alles kennzeichnen."

01:34:30
  • So?! Nur mal angenommen, das wäre wahr: Kosten~Nutzen~Analyse.
  • Grundsätzlich ist diese Aussage in dieser Totalität nicht gültig.
    • Im Falle von Traumafolgestörungen kann langfristig zwar nahezu jeder neutrale Reiz zu einem Trigger generalisiert werden, das bedeutet aber nicht, dass es nicht Gruppen von Reizen gäbe, bei denen wir da ziemlich hohe Gewissheit haben.
      • Die meisten können intuitiv nachvollziehen, dass Darstellungen von Gewalt, sexualisierter Gewalt, Sexualität, Blut, Verletzungen, vielleicht sogar erlebtem Mobbing für Betroffene extrem unangenehm sein können. Hier ist die Bereitschaft selbst bei Gegner*innen von CWs gelegentlich hoch. Hier scheint die Empathie ~ ggf. aus eigener Betroffenheit oder nahestehenden Betroffenen ~ vglw. leicht zu fallen.
      • Diskriminierende Sprache und Inhalte - ob durch Verfasser*innen oder in Beiträgen Zitierte ~ können für Diskriminierte selbstverständlich auch zu Auslösern erheblichen Leids werden. Anscheinend gibt es dahingehend sehr flexible Bewertungen, welche Diskriminierten in diesem Fall wieviel Respekt und Rücksichtnahme verdienen. Das scheint mir sehr abhängig von den eigenen internalisierten Ansichten der Bewertenden (z.B. Rassismus vs. Bodyshaming, Rassismus vs. Antisemitismus, Klassismus vs. Sexismus ...) .
      • Darstellung von Essen kann sowohl Menschen mit klassischen Essstörungen aber auch Menschen mit komplexen Traumafolgestörungen erheblich belasten. Binge~Eating~ oder Bulimische Attacken, Nichtvisuelle Flashbacks, Ekel, Übelkeit und migräneähnliche Syndrome können dadurch ausgelöst werden und weitere krisenhafte Zuspitzungen nach sich ziehen. Auch chronische körperliche Erkrankungen können Nahrungsaufnahme zu einem qualvollen Thema machen. Hier ist die Warn~Bereitschaft meist sehr gering, weil Essen für Normies etwas Angenehmes, Alltägliches ist und sie die Beschwerden der Betroffenen als Empfindlichkeit abtun und es mit eigenen, leicht zu umgehenden Nahrungsmittelaversionen gleichstellen. Fälschlicherweise.
      • Inhalte mit Bezug zu Arbeit und anderer Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Viele Betroffene können aufgrund ihrer Einschränkungen und Eigenschaften nicht so am gesellschaftlichen Alltag teilhaben wie Normies. Naive Menschen nehmen an, dass es doch geil ist, wenn 1 nicht mehr arbeiten gehen muss und endlich ganz viel Freizeit hat. Das führt aber an der Realität der Betroffenen meilenweit vorbei. Wer einen kleinen Einblick zu diesem Themenbereich möchte, dem seien die Folgen 7 bis 9 zu chronischen Erkrankungen ans Herz gelegt. Entsprechend können jegliche Beschreibungen mit Bezug zu Arbeit, Freizeitgestaltung oder sozialen Kontakten in Betroffenen heftige Gefühle des Mangels, der Einsamkeit, der Ausgrenzung oder Wertlosigkeit auslösen.
      • Beschreibungen von emotional sehr belastenden oder kindheitsbezogenen Situationen bergen ebenfalls ein sehr hohes Triggerpotential. Stichworte wie Familie, Kindheit, Streit, Drohung, psychische Gewalt oder Missbrauch können Menschen in instabilen Phasen helfen, solchem Content aus dem Weg zu gehen.
    • Liste sicher nicht vollständig, aber schon mal ein recht adäquater Überblick.
  • Es muss vielleicht nicht nur um klassische Trigger gehen. Auch für Normies können Themen überfordernd und unerträglich werden. Um die eigene Funktions~ und Genussfähigkeit wiederherzustellen, brauchen wir manchmal schlicht Pausen.
    • Das KANN natürlich durch eine vollständige Internetpause oder Handypause erzielt werden. Damit gebe ich aber ggf. nicht nur Belastungen sondern auch Zugang zu wichtigen Ressourcen ab. Dabei würde ein temporäres Ausblenden überfordernder Inhalte bereits ausreichen, das den Rest erhält.

KostenNutzenAnalyse

01:46:47
  • Bei jeder Intervention bedarf es einer KostenNutzenAnalyse. Oft machen wir die ganz automatisch auf Basis unserer Datenlage.
  • Wie dargestellt ist die individuell meist sehr unterschiedlich ~ bis ich über die Infos der anderen aufgeklärt werde.
  • Bei vielen Betroffenen führt eine KostenNutzenAnalyse zu vollständigen Blocks, Vermeidung bestimmter Blasen oder Netzwerke oder gar zu einem generelleren sozialen Rückzug. So hoch empfinden sie ihre individuellen Kosten.
  • CW erlauben den Betroffenen eine selbstbestimmte Regulation akuter Belastung und tragen somit zum höchsten Maß an gesellschaftlicher Teilhabe, die unter den jeweiligen Lebensumständen möglich ist. Gleichgültiges Posten ohne CW führt durch Erschöpfung und ChillingEffects zur weiteren Ausgrenzung Betroffener.
  • Bei Gegener*innen führt die Analyse offensichtlich zur Annahme, dass ihre individuellen Kosten durch CWs ~ ob spezifisch oder mandatorisch ~ höher zu bewerten sind als die der Betroffenen.
  • Objektive Kosten von CWs z.B. im Netzwerk Mastodon:
    • Bei einem neuen Post/Toot: Eingabe ca. 5 bis 20 weiterer Zeichen. Bei jeder Antwort auf diesen entfällt die Eingabe durch automatische Übernahme.
    • Von 500 verfügbaren Zeichen werden diese Zeichen abgezogen, was eine Beschränkung auf selten weniger als 480 Zeichen bedeutet.
    • Beim Lesen einer TL mit CWs erscheinen die Toots eingeklappt und müssen durch 1 LinksKlick geöffnet werden.
      • Das kann allerdings im Webclient und in einigen AndroidClients zentral ausgeschaltet werden. Nur im worst case kommt es also zu einer für das Internet nicht eben unüblichen Mehrbelastung des meist rechten Zeigefingers.
    • Bei CWs vor Blogposts, Artikeln oder anderen Schrifterzeugnissen aber auch als kurze Ansage zu Beginn von Podcasts oder RadioSendungen dürfte der Aufwand im Vergleich zur Gesamtanstrengung tendenziell noch marginaler ausfallen.

Fazit

01:52:44
  • Der Nicht~Einsatz bzw. die aktive Verweigerung von CWs ist entweder auf wenig liebenswerte Charakterzüge oder eine unvollständige KostenNutzenAnalyse zurückzuführen. Beschränkt man diese nur auf die eigenen Interessen fällt sie naturgemäß selbstbezogen aus. Fehlt einfach die Perspektive Betroffener handelt es sich ggf. nur um einen Informationsmangel, der durch Zuhören, Offenheit und den bewussten Abbau von Privilegien behoben werden kann.
  • Wie bei so vielen Analysen:
    • Es gibt einen Weg, der unmittelbar angenehm bzw. bequemer ist, aber gleichzeitig bittre langfristige Konsequenzen nach sich zieht.
    • Und einen, der unmittelbar aufwändiger ist, aber sich langfristig positiv auf die Gesamtsituation auswirkt.
  • Bei den CW ist es wie mit dem Gendern:
    • Zu Beginn fällt die Umstellung etwas schwer, 1 muss eine Zeit lang Misserfolge/Scheitern aushalten. Aber das ist temporär und mit der Zeit wird es immer leichter und normaler.
  • Meine eigene Transformation ist dahingehend übrigens auch noch lange nicht abgeschlossen. Es gibt immer wieder Phasen oder Situationen, in denen ich diesen Ansprüchen nicht entspreche. Die entscheidende Frage ist, wie ich damit umgehe:
    • Relativiere ich? Invalidiere ich Betroffene, um mich damit besser zu fühlen?
    • Oder nehme ich Kritik an, überprüfe ich mich regelmäßig selbst und korrigiere ich mich, wenn ich mein Scheitern bemerke?
  • Es geht nicht darum im Fahrtwind des allgemeinen Perfektionismus in den ActivistBurnout zu schlittern. Aber es kann auch nicht darum gehen, sich hinter Gleichgültigkeit oder Selbstgefälligkeit zu verstecken. Dazwischen gibt es noch etwas.

Abschied

02:03:06
  • Diesmal gibt es wenig Links auf Quellen. Denn wie oben beschrieben gibt es wenig Quellen, auf die sich zu beziehen lohnte. Meine Argumentation leitet sich aus psychotherapeutischem Wissen über verhaltenstheoretische und störungsspezifische Entstehungs~ und Erhaltungsmodelle sowie Behandlungskonzepte ab.
  • Dieses Plädoyer fällt doch sehr viel ausführlicher und zusammenhängender aus als eine Reihe von Toots, die im Schlagabtausch von mir in die Auseinandersetzung geworfen werden. Schlagabtausch~Diskurse verlaufen oft eskalativ, führen zur Fragmentierung von Gedankengängen und fördern so eher das Missverstehen als die Verständigung.
  • Ich hoffe, dass dieser umfangreiche Beitrag denen hilft mich zu verstehen, die mich angesichts meiner Toots zum Thema CW als ideologisch, starrsinnig und irrational wahrgenommen haben.
  • Und denen, die immer wieder in die aufwallenden Debatten ziehen, die Position zugunsten CWs (oder auch anderer sprachlicher Anti-Diskriminierungsmaßnahmen) noch klarer und mit evtl. neuen Argumenten zu vertreten.
  • Es geht beim Streit um CWs nicht um Rechthaben, sondern um konkrete Lebensbedingungen anderer Menschen. Also um sichere Räume, in denen sich alle Menschen so optimal wie möglich beteiligen können, leben können.
  • Das inkludiert auch die Aufgabe eigener Privilegien zugunsten eines Zusammenlebens, das auf Kooperation basiert, nicht auf Konkurrenz.
  • Ich bin selbst in dieser Episode den für mich bequemen Weg gegangen, als Nicht~Betroffener alleine und ohne die Perspektive der Betroffenen über Inhaltswarnungen zu sprechen. Ich könnte dafür plausibel klingende Gründe anführen. Aber das ändert an dieser Schwäche nichts.
  • Ich möchte denen, die ihre Perspektive in diesem Kontext besser repräsentiert sehen möchten, das Angebot machen, diesen Mangel mit mir zu korrigieren. Wer sich mit mir über dieses oder ein anderes meiner Themen aus seiner spezifischen Perspektive unterhalten und sie mit meinen Zuhörer*innen teilen möchte, melde sich bitte sehr gern bei mir.
  • Danke für die Aufmerksamkeit, jedes Teilen, jede Ermutigung, jede respektvolle Korrektur oder Ergänzung.
  • Die Plapperbude bleibt zwar ein Projekt neben einer Reihe wichtiger Projekte und Interessen in meinem Leben. Aber darunter ist sie ein wichtiges und geliebtes. Und das nicht zuletzt auch wegen all den tollen Menschen, die sich mir als Zuhörer*innen zu erkennen geben und so das Projekt mit mir teilen.
  • Tonquellen
  • Werde Mitglied in der Plapperbu:de-Community auf Matrix und diskutiere mit anderen Zuhörer*innen über diese Folge!

Weiter im Text …

Gebrainstormte Themen, die ich gerne verpodcasten würde:

[WiP] = Thema in Bearbeitung

  • Traumafolgestörungen
    • „Was hat das mit mir zu tun?“
  • Erziehung zwischen Bedürfnisorientierung und Auftrag
    • Ein Gespräch mit Julia über das Spannungsfeld zwischen Mutterschaft und Feminismus
    • Evtl. zweiter Teil
  • Traumafolgestörungen II
    • Moderne Behandlungsmethoden mit Kathrin
  • Politische Kurzsichtigkeit: Über Wahlkampfgeschenke und die Gießkannen-Methode
    • Wem nutzt das? Kein Zufall, keine Dummheit, sondern opportunistische Selbstdienlichkeit
  • Psychotherapie? Vielleicht in nem halben Jahr … [WiP]
    • Über den Unsinn einer unzureichenden Psychotherapeutischen Versorgung
  • „Du musst immer machen, was der Erwachsene sagt.“
    • Vom Unglück deutscher Erziehung
  • „Was ist das für 1 Klima?!“ 
    • Diskreditierung politischer Partizipation junger Menschen am Beispiel von und im Vergleich mit ihren Vorgänger*innen
  • Das Web2.0  und die Persönlichkeitsentwicklung
    • Ist dieses Internetz wirklich so gefährlich? …
  • Alles muss, nichts kann?
    • Sein und Werden im Spannungsfeld zwischen Selbstausbeutung und Emanzipation
  • Nach Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie bitte …
    • Die (noch) bestehenden Schwächen in der psychosozialen Versorgung und ihre Folgen
  • Die Psychologie der „Alternativmedizin“
    • Warum Bildung allein nicht vor Alufolie schützt
  • Irgendwie mit Juna
    • Ein Treffen mit der wundervollen Juna Grossmann
  • Feminismus und die Emanzipation des Mannes
    • Warum Männer Feminist*innen unterstützen sollten
  • Recherche zu „Fallmanagement“ bei Krankenkassen
    • Werden die Drückerkolonnen der KK wissenschaftlich begleitet? Schaden oder Nützen die trainierten Laien am Telefon eigentlich?
  • Leben ohne Krankenkasse
    • Wie kommen Menschen außerhalb des Solidarsystems an notwendige Behandlungen?
  • Rassismus und das Weiße Privileg
    • HowTo änder endlich was
  • Von Hufeisen und unterkomplexen Erklärungsmodellen
    • Ein Blick auf die Unzulänglichkeit der „Links/Rechts“-Dimension bei der Beschreibung polititscher Einstellungen als Legitimations-Werkzeug einer opportunistischen „Mitte“
  • Chronische Erkrankungen und die Interaktion von Soma und Psyche [WiP]
    • Das Leben mit chronischen Erkrankungen, Nebenwirkungen von Pharmakotherapie, Sekundärstress durch Akutsymptome und systemischen Veränderungen (z.B. Hormone) und Schwächen der Gesundheitssysteme.
  • Diagnosen [WiP]
    • Vom Wohl und Wehe der Kategorisierung von Leiden
  • Es geht nicht primär um Sex
    • Polyamorie als bedürfnisorientierte Alternative zum Dogma

Ich freue mich über Hinweise und Anregungen zu diesen Themen und natürlich Ideen und Angebote für Interviews oder Gesprächspartner*innen!

PLBD009 Chronische Erkrankungen (3/3)

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Mitwirkende

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Homer S. (er)
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Lotte

Shownotes

Triggerwarnung

00:00:01
  • In dieser Episode wird es um chronische Erkrankungen und die daraus erwachsenden schweren Belastungen im Leben der Betroffenen gehen. Sowohl die Betroffenen als auch mitunter ihre Angehörigen sind aus guten Gründen bemüht, diese Belastungen aus ihrem Bewusstsein zu halten. Unser folgendes Gespräch wird entgegen diesen Bemühungen all diese Facetten ihres Leidens versuchen zu beleuchten und so ins Bewusstsein zurückholen.
  • Wir emfpehlen daher dringend, sich bereits vor dem Hören der drei Episoden zu diesem Thema planend vorzubereiten, ob und wieviel am Stück Ihr sie Euch anhören möchtet. Prüft bitte bewusst, wieviel Kraft und Distanz Ihr im Moment aufzubringen fähig seid und stellt Euch ggf. einen Wecker, um Euch zu Pausen zu zwingen. Es ist ein Podcast, er läuft nicht weg und somit könnt Ihr ihn Euch auch in 15min-Abschnitten anhören, wenn das erforderlich ist.
  • Sollte es dennoch zu Überforderung kommen, werdet Ihr Hilfe zur Entlastung und Distanzierung benötigen. Denkt daher bitte auch vorher darüber nach, mit wem Ihr unter Umständen über Eure Gefühle und Gedanken reden könnt, und wie diese Menschen wann zu erreichen sind. Wie bei anderen Folgen auch, weise ich außerdem auf www.telefonseelsorge.de hin, wo ihr anonyme Beratung via Mail, Chat und Telefon erhalten könnt. Wenn Ihr nicht ohnehin schon kompetente psychotherapeutische Betreuung habt, seid an die Möglichkeit sogenannter Psychotherapeutischer Sprechstunden bei niedergelassenen Psychotherapeut*innen erinnert, die im Krisenfall auch sog. Akuttherapien zur Krisenbewältigung anbieten können.

Begrüßung und Vorstellung

00:03:13
  • Fokus Bewältigung:
    • Eigene Lösungsversuche
    • Externe Expertise/Hilfe

Frage an die Expertin (Lotte)

00:04:23
  • Problemstellungen vielfältig = Lösungsstrategien vielfältig
  • Chronische Erkrankungen sind "life changing"
    • unterschiedliche Schweregrade
    • erfordern viel Aufmerksamkeit im Alltag
  • Gleichgewicht zwischen Ressourcen und Anforderungen bewahren/herstellen
  • Beispiele für typische Meisterungsstrategien
  • Leugnen und Ignorieren der Erkrankung (sauswirkungen) im Alltag
    • Überspielen, Distanzieren, Verdrängen, Bagatellisieren
      • von Symptomen und Einbrüchen
    • entspricht häufiger gesellschaftlicher Erwartung ("Zähne zusammenbeißen")
    • hoher Kontrast der starken und schwachen Phasen
      • langfristig hoher Preis durch wachsende Rückschläge
    • Planung: Tages- und Wochenpläne, Achtsamkeit ...
    • dennoch häufige Überschätzung eigener Ressourcen und Unterschätzung von Kosten
    • Akzeptanz der neuen Prämissen unter Erkrankung schwierig
      • Festhalten an alten Standards
    • Problem gesellschaftlicher Idealisierung von Spontanität
      • die unmittelbare Belohnung verspricht (Hedonismus)
      • langfristige Effekte von Planung werden oft nicht vorhergesehen
      • langfristige Schäden fehlender Planung oft nicht mit diesem Mangel verbunden
      • Hilfe bei Einsicht kann durch Psychotherapie ggf. besser gewonnen werden
    • Perfektionismus erschwert Anpassung von Planung an wechselnde Rahmenbedingungen
  • Sense of Urgency: An guten Tagen alle Ausfälle eilig kompensieren wollen (Überkompensation)
    • Auch als genussorientierte Euphorie an guten Tagen möglich (Bsp: Almauftrieb nach Winter)
    • Totale Selbstüberforderung - Erschöpfung exponentiell wachsend
    • Sekundäre Belastung durch Misserfolge und Enttäuschungen
      • Bei Nicht-Betroffenen auch! Aber Auswirkungen bei Betroffenen erheblicher
    • Metapher: Autofahren mit Vollgas vs. Optimaler Verbrauch
  • Akzeptanz
  • Streben nach Kontrolle
    • Z.B. durch Aufbauen von Struktur
    • oder krankheitsspezifischen Kompetenzerwerb
    • Klärung von Verantwortung für welche Aspekte von Kranksein
    • Zwanghafte Kontrolle vs. Externalisierung von Verantwortung (Kontinuum)
      • Mitte nicht unbedingt optimal!
      • Gerade bei seltenen Erkrankungen hohe Expertise für eigene Krankheit (höhere Kontrolle) ggf. überlebenswichtig!

Akzeptanz vs. Ewiger Kampf

00:41:00
  • Gesellschaftlich typische Metaphorik des Kriegs
    • Risiko des "Kampf gegen Windmühlen"
    • Totaler Sieg oder Niederlage
      • Therapie: Auflösen des Dualismus
    • Akzeptieren != Aufgeben
    • Risiko falsche "Gegner" zu wählen
      • Bsp: Traumafolgestörung
        • Vermeidung von Erinnerung verschlimmert Störungsbild
        • Bestimmtes Zulassen von Symptomen für Kompensation erforderlich

Hilfsangebote - Für und Wider

00:50:30
  • Bewältigungsgruppen, Meisterungskurse, Selbsthilfegruppen etc.
    • Vermittlung nach dem Gießkannen-Prinzip
      • aus Effizienz- und Kostengründen grundsätzlich nachvollziehbar
    • Unzureichende Individualisierung kann hoch kontraproduktiv sein
      • kann sogar wirksame Strategien für Betroffene "verbrennen"
      • wird Komorbidiäten (mehrere Diagnosen) , diversen Lebensrealitäten und Wechselwirkungen oft nicht gerecht
      • kann Unzulänglichkeitserleben in Betroffenen verstärken oder auslösen
      • Bsp: Entspannungsverfahren, Energieökonomisierungskurse
    • Perspektivwechsel für verschiedene Behandler*innen abhängig von Störungskenntnissen oder beruflichen Kompetenzen ggf. unzureichend
      • "schwierige" Patient*innen fallen stets hinten rüber
    • Chance: Angebote können anregen, unterstützen, soziale Unterstützung anbieten
      • Verfügbarer, leichter und schneller erhältlich
      • Aber zusätzliche Hilfe bei Individualisierung/Differenzierung empfehlenswert (z.B. begleitende oder nachfolgende Einzeltherapie)

Ambulante Psychotherapie als Bewältigungshilfe

01:16:30
  • Qualität der Angebote stark abhängig von Kompetenz und Haltung der Helfenden
    • Ruhig viele Therapeut*innen "ausprobieren" und Flexibilität und Offenheit prüfen
    • Anerkennung der Expertise der Betroffenen wichtig
      • Auch gut für das Kontroll- und Selbstwirksamkeitserleben der Betroffenen
    • Flexible (vorläufige!) , individuelle und transparente Störungs-/Problemmodelle gutes Zeichen
  • Hilfe bei Trennung von Symptomursachen und Klärung eigenen Einflusses auf Belastung
    • Ausschöpfung nicht-pharmakologischer Methoden zur Minimierung von Neben- und Wechselwirkungen
    • Stressbewältigungstechniken fast immer nützlich
  • Entlastung mitbelasteter sozialer Bindungen
  • Ausdruck und externe Bestätigung (Validierung) des erlebten Leids
  • Gestützte und tabulose Reflektion mit unabhängiger Person
  • Trauerarbeit, Emotionale Bewältigung von (ggf. fortschreitenden) Verlusten
  • Sozialer Isolation entgegenwirken
  • Neue, angepasste Lebensentwürfe entwickeln!
    • Paradoxe Anmutung: Leben kann grundsätzlich sogar glücklicher werden als vorher!
    • Veränderung birgt ggf. auch Chancen auf anderen Lebens-Ebenen
    • Recht auf "Das gute Leben"

Fazit und Zeit, die Löffel zu polieren

01:43:21
  • Danke für Euer Feedback und die Ermutigungen!
  • Homers und Lottes persönlicher Rückblick auf ca. 6h Podcast
  • Appell an Nicht-Betroffene: Fragt nach! (z.B. ob ihr fragen dürft 😉 )
  • Gegenseitiger Dank und Selbstanerkennung unserer Investitionen in das Projekt <3
  • Hinweis auf neue Kommentarfunktion und Verfügbarkeit im Fediverse unter @homer77@plapperbu.de

Outro

01:59:59

PLBD008 Chronische Erkrankungen (2/3)

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Mitwirkende

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Homer S. (er)
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Lotte

Shownotes

Triggerwarnung

00:00:01
  • In dieser Episode wird es um chronische Erkrankungen und die daraus erwachsenden schweren Belastungen im Leben der Betroffenen gehen. Sowohl die Betroffenen als auch mitunter ihre Angehörigen sind aus guten Gründen bemüht, diese Belastungen aus ihrem Bewusstsein zu halten. Unser folgendes Gespräch wird entgegen diesen Bemühungen all diese Facetten ihres Leidens versuchen zu beleuchten und so ins Bewusstsein zurückholen.
  • Wir emfpehlen daher dringend, sich bereits vor dem Hören der drei Episoden zu diesem Thema planend vorzubereiten, ob und wieviel am Stück Ihr sie Euch anhören möchtet. Prüft bitte bewusst, wieviel Kraft und Distanz Ihr im Moment aufzubringen fähig seid und stellt Euch ggf. einen Wecker, um Euch zu Pausen zu zwingen. Es ist ein Podcast, er läuft nicht weg und somit könnt Ihr ihn Euch auch in 15min-Abschnitten anhören, wenn das erforderlich ist.
  • Sollte es dennoch zu Überforderung kommen, werdet Ihr Hilfe zur Entlastung und Distanzierung benötigen. Denkt daher bitte auch vorher darüber nach, mit wem Ihr unter Umständen über Eure Gefühle und Gedanken reden könnt, und wie diese Menschen wann zu erreichen sind. Wie bei anderen Folgen auch, weise ich außerdem auf www.telefonseelsorge.de hin, wo ihr anonyme Beratung via Mail, Chat und Telefon erhalten könnt. Wenn Ihr nicht ohnehin schon kompetente psychotherapeutische Betreuung habt, seid an die Möglichkeit sogenannter Psychotherapeutischer Sprechstunden bei niedergelassenen Psychotherapeut*innen erinnert, die im Krisenfall auch sog. Akuttherapien zur Krisenbewältigung anbieten können.

Begrüßung und Vorstellung

00:03:14
  • Kurzvorstellung Lotte
  • Anschluss an Teil 1
    • Definition
    • Prävalenz
    • Subjektives Erleben
  • Gliederung Teil 2

Krankheitsauswirkungen an sich

00:06:33
  • Somatische Erkrankungen können sich auswirken auf
    • Hormonsystem
    • Neurotransmittersystem
  • Auswirkungen aber komplex und schwerer vorherzusagen als früher angenommen
  • Beispiel Über/Unterfunktion der Schilddrüse
    • Mangelhormon kann künstlich ersetzt werden und Symptome verschwinden wieder
    • Sollte bei depressiver Symptomatik stets geprüft werden bevor antidepressive Medikation oder Psychotherapie eingesetzt werden. Auch bei Angstzuständen.
    • Auch andere Stoffe wie Vitamin D können bei Mangel depressives Syndrom auslösen
  • Beispiel Essentielle Hypertonie aka Bluthochdruck
    • Erhöhter Blutdruck ist mit Aktivierungszustand assoziiert und geht daher manchmal mit dem Empfinden von Angst einher. (Angst allerdings auch immer mit einer temporären Erhöhung des Blutdrucks)
  • Beispiel Parkinson und Zittern
    • Alltagshandlungen extrem zeitaufwändig durch eingeschränkte Feinmotorik

Medikamente und Hilfsmittel

00:19:55
  • Medikamente
    • müssen stets und ständig mitgeführt werden
    • bedürfen dabei teilweise spezieller Lagerung (z.B. Kühlung auch unterwegs)
    • Flughafen-Anekdote:
      • Extra-Kühltasche für Medikamente
      • Kühlelemente führen zu Schwierigkeiten beim Sicherheitscheck
      • Öffentliche Bloßstellung durch Vorzeigen der Medikamente und Diskussionen
      • Auf Reisen sachgemäße Lagerung auch oft schwierig
    • Mehrere Präparate müssen zu unterschiedlichen Zeiten absolut pünktlich und abhängig voneinander (Wechselwirkungen) eingenommen werden
      • sehr anspruchsvolle logistische und organisatorische Aufgabe
      • Keine Ausnahme, kein Wochenende, kein Ausschlafen etc.
    • greifen zum Teil ebenfalls - wie die Erkrankungen - in hormonelles und Neurotransmittersysteme ein und können ihrerseits psychische Symptome auslösen oder verstärken
      • i.d.R. unterkommuniziert
        • auch Behandler*innen vergessen häufig diesen Aspekt der Medikation mit den Beschwerden der Pat. in Beziehung zu setzen
        • hohe Komplexität durch Kombinationstherapien (Wechselwirkungen)
      • viele unterschiedliche Fachärzt*innen, die schlecht miteinander abgestimmt sind.
        • Management medizinischer Behandlung bleibt an Patient*innen (i.d.R. med. Lai*innen!) selbst hängen

Dauerstress

00:42:32
  • Ständige Selbstbeobachtung und Managment des Krankseins
    • Beispiel: Reichweitenangst bei Elektroautos
    • Führt zu erhöhtem Cortisolspiegel, was chronischen Unruhe- oder sogar Angstzustand bedeutet
    • Reizbarkeit, Anspannung, Impulsivität mögliche Folgen
    • Sympatikus (Anspannung) vs. Para-Sympatikus (Entspannung)

Soziale und gesellschaftliche Teilhabe

01:00:10
  • Stereotype Vorstellungen von Krankheit
  • Ähnlichkeit mit Betroffenen in besseren Phasen erhöht Bedrohungsgefühl durch Konfrontation mit Vergänglichkeit von Gesundheit und Leben
    • Subjektiver Verlust von Kontrolle über sich und sein Leben
    • Führt zu Hilflosigkeit und Angst
    • Wird über Vermeidung, Verdrängung und Leugnen "bewältigt"
  • Erhöhtes Risiko von Abhängigkeits-Beziehungen
    • Paternalismus und Invalidierung
      • zusätzliche soziale Behinderung in eigener Bewältigung
    • Helfer*innen-Burnout
      • Frustration
      • Selbstvernachlässigung oder Mangelversorgung
      • Kränkung
  • Vorwürfe, Ratschläge, Vergessenwerden
  • Privileg Nicht-Betroffener sich durch pauschalen Rückzug vor Risiken negativer Rückmeldung zu schützen
    • Betroffene können nicht wählen, keine Hilfe zu brauchen
    • Unzulässige Generalisierung schadet großer Gruppe zugunsten der Convenience Nicht-Betroffener

Eigene Gefühle in Bezug auf Erkranktsein

01:20:27
    • Diagnose erhalten - Wie war das für Dich?
    • Zuerst Erleichterung
      • nach langer Invalidierung als Psychisch/Psychosomatisch krank
      • Genugtuung, Entlastung von Scham
      • Erlösung: Endlich werde ich ernst genommen!
    • Langfristig dann aber der Schock über Bedeutung
      • Unsicherheit, Angst
        • vor Schmerzen, Krankheit, Medikamenten
        • existenzielle Ängste vor Verlauf, Prognose, Therapieoptionen
      • Verluste: Trauer, Wut, Kränkung
        • Identitäts- und Rollenverluste
        • Funktionseinschränkungen und -verluste
        • körperliche Veränderungen
        • Verlust der Selbstbestimmung
        • Abschied von Plänen und Lebensentwürfen
      • Invalidierung eigener Expertise für sich und sein Erleben durch z.B. Behandler*innen, aber auch Angehörige
        • Wut
        • Unzulänglichkeitserleben
    • Berichte von Chroniker*innen über ihre Gefühle

Anekdote: Marginalisierungserfahrungen bei Flugreisen

01:41:37

Dank und Verabschiedung

01:46:59
  • Ausblick Teil 3
  • Danke Lotte!

Outro

01:49:09